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 Rundbrief
Ausgabe 1/2008
„Psychische Gesundheit und Arbeitswelt: Macht Arbeit und krank?“
Öffentliche Veranstaltung zum DGPPN-Kongress am 23.11.07 im Berliner Verlag
Von Ruth Fricke

Mit Arbeit verdienen wir unseren Lebensunterhalt. Eigener Verdienst bringt uns Unabhängigkeit. Diese Unabhängigkeit, aber auch die Ergebnisse unserer Arbeit fördern unser Selbstbewusstsein, geben uns Selbstbestätigung und verbessern so unser seelisches Befinden. Darum ist es besonders wichtig, dass schon bei der Aufnahme in eine psychiatrische Klinik von den dortigen Mitarbeitern darauf geachtet wird, dass ein vorhandener Arbeitsplatz erhalten bleibt. D.h. es muss auf jeden Fall der ein Kontakt zu den Integrationsämtern hergestellt werden, die für die Erhaltung des Arbeitsplatzes und die Wiedereingliederung Sorge tragen. Ist der vorhandene Arbeitsplatz erst einmal aufgrund der psychischen Erkrankung verloren gegangen, ist es fast unmöglich wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Ich will an eine paar Beispielen verdeutlichen, was häufig schief läuft:
Eine sehr gute Bekannte von mir arbeitete beim psychosozialen Fachdienst des Kreises Herford, einer Außenstelle der Hauptfürsorgestelle, die heute den Integrationsämtern angeschlossen sind. Diese Frau rief ich an als der BPE im Sommer 2001 für das Bundesarbeitsministerium mehrere Fragen für eine EU-Initiative zum Thema psychische Erkrankung und Arbeitswelt beantworten sollten. Ich wollte eigentlich nur wissen, ob es die psychosozialen Fachdienste, die für die Erhaltung des Arbeitsplatzes im Falle psychischer Erkrankung zuständig sind, in allen Bundesländern gibt oder ob das eine NRW-Besonderheit sei. Im Laufe des Gespräches stellte sich heraus, dass die Fachdienste vor allem von Unternehmen und nicht von den Betroffenen in Anspruch genommen wurden. Nach weiterem Befragen stellte weiterhin heraus, dass meine Bekannte, obwohl sie während ihrer Zusatzausbildung ein Praktikum in der WKPPN Gütersloh gemacht hatte, nicht auf die Idee gekommen war, den Sozialarbeitern der Herforder Stationen ihre Informationsflyer vorbeizubringen. Umgekehrt war den Sozialarbeitern der Klinik dieser Dienst nicht bekannt. Ich habe dann einen Packen Flyer zur nächsten Beiratssitzung in der Klinik mitgenommen und dort an die zuständigen Sozialarbeiter verteilt.
Ein 2. Beispiel, ein damals ca. 32-jähriger Mann, der vor seiner ersten Krise als Außenhandelskaufmann für eine großes Unternehmen tätig war und für dieses Unternehmen auch im Ausland tätig war und dort zahlreiche Verträge abgeschlossen hatte, hatte nach einer längeren manisch depressiven Episode seine Arbeitsplatz verloren, weil er längere Zeit ohne Krankmeldung der Arbeit fern geblieben war. In der Klinik war überhaupt niemand auf die Idee gekommen Ihn zu fragen, ob er eine Krankmeldung für den Arbeitgeber braucht. Nun war er arbeitslos und der Integrationsfachdienst sollte ihn wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt eingliedern. Dieser Eingliederungsversuch begann mit einem Praktikum bei den Milchwerken Herford und war aus meiner Sicht mit den Milchwerken überhaupt nicht richtig vorbereitet worden. Die Milchwerke setzten diesen Mann während des Praktikums nämlich als Laufburschen zwischen Sachbearbeitern und Schreibdienst ein. Der Mann fühlte sich durch diese Tätigkeit dermaßen degradiert, dass er nach kürzester Zeit in die nächste Depression fiel. Damit galt dieser Arbeitsversuch als gescheitert. Nach ca. einem halben Jahr erfolgte ein 2. gleichartiger Arbeitsversuch mit demselben Ergebnis und danach wurde dieser Mann mit nicht einmal 35 Jahren in Frührente geschickt. Nun saß er Zuhause und wusste mit sich und seinem Tag nichts anzufangen. Sein einziges Interesse galt seinem früheren Beruf andere Hobbys hatte er nicht. Wir rieten ihm doch mal zur Volkshochschule zu gehen und einiges auszuprobieren, um festzustellen, was ihm Spaß machen könnte. Die Antwort war: „Ich brauche tagsüber Beschäftigung, abends ist meine Frau ja zu hause.“ Wenn ich nun in meinem Alter vormittags eine Volkshochschulkurs besuche, dann wird man mich doch fragen, warum ich um die Zeit nicht arbeiten und dann muss ich sagen ich bin Frührentner und dann wird man mich fragen. „Warum?“ und dann muß ich sagen „Ich bin psychisch krank! Das will ich nicht.“. Ich könnte noch mehrere derartiger Beispiele erzählen von Diplomingenieuren mit langjähriger Berufserfahrung oder Lehramtsstudenten, die mitten im ersten Staatsexamen erkrankt sind und heute in einer WFB damit beschäftigt werden, den ganzen Tag Schräubchen einzutüten oder irgendwelche Metallteile zu entgraten und die aufgrund dieser Unterforderung und Degradierung immer wieder krank werden.
Ich will an 3 Beispielen verdeutlichen, dass es auch anders geht:
Die Sparkasse Herford hat einem jungen Sachbearbeiter nach seinem stationären Aufenthalt in der Psychiatrie, einen stufenweisen Wiedereinstieg in seine bisherige Arbeit ermöglicht. Er begann zunächst mit 3 Stunden pro Tag und steigerte seine Arbeit innerhalb einen halben Jahres langsam wieder auf Vollzeit.

Ein 2. Beispiel: Ein junge Frau aus unserer Selbsthilfegruppe arbeitet in der Buchhaltung bei einem regionalen Telefondienstleister. Eines Tages erschien sie voll psychotisch zum Dienst. Ihr Chef ist dann mit Ihr zu Ihrem niedergelassenen Arzt gefahren. Dort wurde gemeinsam vereinbart, dass die Psychose ambulant behandelt werden sollte. Weil die Frau nicht allein in Ihrer Wohnung bleiben wollte, kam sie weiterhin täglich zum Dienst. Ihr Chef ist mit Ihr 2x pro Woche zum Arzt gefahren und nach 4 Wochen war sie wieder voll dienstfähig.

Ich selbst habe nach meiner ersten Psychose 1986 noch 16 Jahre ohne jegliche Stundenkürzung im Schuldienst gearbeitet und sogar noch Beförderungsprüfungen abgelegt und bestanden. Mein Ausscheiden aus dem Schuldienst hat mir schwer zu schaffen gemacht und mich noch einmal in eine Psychose befördert, weil ich meine Arbeit sehr geliebt habe und ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Schülerinnen und Schülern hatte. Heute ist mein Tag ausgefüllt mit ehrenamtlicher Tätigkeit für unseren Selbsthilfeverband. Auch das ist sinnstiftend.

Ich will aber nicht verhehlen, dass unsere Arbeitswelt neben den gesundheitsfördernden Aspekten auch Faktoren hat, die psychische Erkrankungen fördern oder gar hervorrufen können. Der Verlust des Arbeitsplatzes führt gar nicht so selten zu Depressionen, die im schlimmsten Fall mit Suizid enden können. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes in Zeiten hoher Arbeitslosenquoten, führt in den Betrieben zu verstärktem Konkurrenzkampf, der sich zu Mobbing ausweiten kann. Die Opfer dieses Mobbings leiden häufig zunächst an Verfolgungsängsten, die sich zum Verfolgungswahn steigern können. Humane Arbeitsbedingungen und Vollbeschäftigungspolitik können also einen Beitrag leisten, dass die Zahl der Menschen die psychisch erkranken nicht weiter zunimmt.

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