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 Rundbrief
Ausgabe 2/2008

Kleine HeldInnen in Not
Prävention und gesundheitsfördernde Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern Hilflos und gefangen im Netz der Versorgungsketten
Von Dagmar Barteld-Paczkowski

Diese Tagesankündigung fiel mir im Oktober oder November auf meinem Rechner ins Auge und durch einen Flyer, den ich mit der Verbandspost des BPE bekam.

Der BPE, der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener ist ein Verein, der sich 1992 gegründet hat, weil Menschen, die mit der Psychiatrie Erfahrung gemacht haben, mit den gemachten Erfahrungen nicht zufrieden waren.

Die Gründe für den Eintritt in den Verband sind sehr unterschiedlich. Wir haben jedoch alle das Gefühl, dass im Kontakt mit der Psychiatrie viel zu viel über uns gesprochen und geplant wird, ohne mit uns zu sprechen und auch ohne unsere Bedürfnisse zu erfragen und zu befriedigen.

Deshalb haben wir uns zusammen gefunden, um für uns selbst zu sprechen und für uns selbst einzutreten und auch Forderungen an eine andere Psychiatrie in den politischen und planerischen Gremien umzusetzen, indem wir PE, Psychiatrie-Erfahrenen, persönlich und selbstvertretend präsent sind.

Wir sind Menschen, die in einem Bundesverband seit 15 Jahren selbst bestimmt unsere Interessen vertreten und auch Mitglied, über den BPE, im Dachverband Gemeindepsychiatrie sind.

Im Oktober hatten wir unsere Jubiläumsjahrestagung, und deshalb war ich sehr erfreut, dass ich im Oktober fast zeitgleich mit „15 Jahren selbstbestimmt leben“ diese Einladung zu dieser Tagung bekam.
Im BPE ist das Thema: „Kinder psychiatrieerfahrener Eltern“ auch eines meiner Schwerpunkte.
Ich selbst bin Mutter von drei Kindern und habe eine Diagnose, die meine Kinder zu solchen HeldInnen gemacht hat, um die es hier geht.

Damals waren meine Kinder und ihr Vater allein mit der Situation, in einer völlig veränderten Lebenssituation zu leben, hilflos und allein. Hilflos und allein war aber auch ich.
Mein Leben hatte sich ja auch dramatisch verändert. Aus einer Mutter aus Leidenschaft war eine Mutter geworden, die Leiden schaffte.
Wie kam es zu dem Wandel?
Das ging nicht über Nacht und kam nicht unbemerkt für alle Beteiligten.
Die direkt Beteiligten war meine kleine Familie; drei Kinder und ein Ehemann, und ich.
Weitere waren unsere Eltern und Freunde.
Das war die Geburtssituation für kleine und große HeldInnen gewesen.
Bevor wir zu Helden des Alltags wurden, waren wir eine normale spießige Familie.
Ich behaupte sogar, die Kinder wuchsen glücklich auf. Sie hatten Eltern, die gern mit den Kindern lebten, und die sich über die aufgeschlossenen, selbstbewussten und lebenshungrigen Kinder freuten.
Manchmal war es zwar nervig und anstrengend - aber doch schön.
Ich war hauptberuflich Mutter.
Es war für mich nur ganz kurz der Gedanke präsent gewesen, eine Mutter mit Steuerkarte zu werden. Ich verwarf den Gedanken sehr schnell, und wir hatten auch das Glück, finanziell nicht auf mein Gehalt angewiesen zu sein.
Ich hatte meinen Beruf geliebt und gerne gearbeitet, doch nun hatte ich für mich die Prioritäten verändert. Ich war keine Glucke, die außer Waschmitteln und Putzplänen kein Interesse hatte.
Ich brauchte die Kinder auch nicht, um mich über ihre Leistungen zu definieren.
Ich hatte eine erfüllte und interessante Zeit, neben meinem Job als Mutter.
Ich hatte auch Freizeit, die ich mit Malen, Schreiben, Lesen und Freunden füllte.
Meine Ehe war sehr schlecht, fand ich damals - heute sehe ich es anders.
Ich glaube die Ehe war und ist besser als viele Ehen, die als gut bezeichnet werden.
Wir haben Krisen gehabt, jedoch hatten wir immer Achtung voreinander und waren und sind füreinander da. Jeder hatte seine Freizeit, jeder hatte seine Bereiche, die ihn allein interessierten und auch Gemeinsamkeiten.

Wir hatten Krisen und Konflikte, weil wir aus unterschiedlichen Familien kommen, die jeweils eigene Sozialisation hatten.
Unsere kleine Familie war nun die Keimzelle für neue Sozialisationsprozesse.
Dann brach über unser normales Familienleben ein Unwetter herein, das alles veränderte.

Es ging nicht von heute auf morgen, sondern es kündigte sich an.
Äußere Bedingungen ließen unseren geregelten Familienalltag aus dem Lot geraten.

Ein Hauskauf, Hausumbau, drei Todesfälle und eine berufliche Weiterbildung nahmen uns ganz viel von der Gemeinsamkeit des Familienlebens.
Meine Ehe wurde sehr strapaziert, denn mein Mann hatte nun auch noch zwei Haushaltsauflösungen zu bewältigen.
Er zog sich zurück, und wir als Restfamilie machten weiter.
Doch es steigerte sich so, dass wir als Paar nicht mehr miteinander kommunizierten, und ich in der Ehe verhungerte.
Meine Seele fühlte sich ausgelaugt und bekam den Teil Partnerschaft nicht mehr versorgt.
Ich begann mit allen Mitteln, auf meine Bedürfnisse aufmerksam zu machen.
Ich wollte nicht nur Mutter, Freundin und Lernende sein.
Ich wollte auch Ehefrau und Partnerin sein.
Das konnte mein Mann zu dem Zeitpunkt jedoch nicht erfüllen, er fühlte sich überfordert durch Arbeit und Haushaltsauflösungen.
Es war eine grässliche Zeit.
Ich sehnte mich auch nach Kommunikation mit meinem Mann, nicht nur mit meinen Freunden und Freundinnen.
Es war zwar Wichtiges für mich, für mich aber nicht das, was ich wollte.
Mit den Kindern wollte ich nicht über die Probleme, denn sie sind ja in einer anderen Position. Sie sind nicht die Lebenspartner sondern Lebensinhalt.
Damals waren sie 11, 9 und 4 Jahre alt, noch Kinder vor der Pubertät.
Ich merkte, dass ich meinen Kindern nicht mehr alle Kraft geben konnte, die sie verdient hätten.
Ich war mit mir beschäftigt.
Ich war sehr unglücklich über die Situation.
Es begann meine Kommunikation der 3. Art.
Meine erste Wahnsinnsphase.
Ängste, Schlaflosigkeit, wirre Gedanken und paranoide Ideen hatten von mir Besitz ergriffen und raubten mir Kraft für die Alltagstauglichkeit.

Das Schlimme daran war, ich fühlte mich unfähig zu leben, und meine Aufgaben im Leben zu bewältigen.
Nichts machte ich gut oder richtig.
Vor allem war ich keine Mutter mehr, die sie gut um die Kinder sorgte.

Das machte mir wieder Sorgen. Ich war ein Minus-Mensch

- Hilfe in so einer Situation? -

Davon wusste ich nichts, denn ich wusste ja nicht mal, dass ich mit dem Wahnsinnsprinzen auf der Flucht aus meiner Lebensrealität, der Isolation in Kommunikation war.

Ich fühlte mich alleingelassen von Menschen, Göttern und allen guten Geistern!

Ich veränderte mich durch Schlaflosigkeit und Essstörungen.
Ich verlor mich, und ich verlor mein Gewicht. (Damals war ich aber fast sowieso die Hälfte von mir jetzt).

Es kam dann so, dass ich in die Klinik ging.
Dort wollte ich auch Erklärungen für meine Kinder bekommen.
Sie sollten sich nicht verlassen und allein fühlen.
Mein, mich damals behandelnder Arzt, sagte mir, dass meine Kinder von dem Drama nichts mitbekommen hätten.
Das hielt ich nach meinen Eskapaden für reichlich ausgeschlossen.
Ich fühlte mich mit meinen Sorgen völlig unverstanden.
Meinem Mann sagte man, mein Verhalten würde an meiner Vulnerabilität liegen, und er müsste nichts ändern.
Das war für ihn, meinem Mann eine gute Erklärung, denn sie befreite ihn von Mitverantwortung.
Das Leben ging dann wieder weiter, durch Medikamente bekam ich meine Gedanken langsam wieder in den Griff und konnte mich auf andere Dinge konzentrieren und wieder für meine Kinder da sein.
Professionelle Hilfe von außen bekamen wir , außer Medikamenten, nicht.
Freunde halfen uns, wir hatten echtes Glück!
Therapie für mich war die Medikation.
Mein Mann machte eine Therapie, die unserer Ehe auch nicht zuträglich war.
Jeder, der eine Therapie gemacht hat, weiß, dass in der Zeit, die Konzentration auf das eigene Leben eine große Rolle spielt.
Es ging uns als Paar nicht besser, und ich entschloss mich, die Situation zu verlassen und auszuziehen.

Doch aus einem Haus mit drei Kindern, in eine Wohnung mit zwei Zimmern ziehen, das wollte ich nicht.
Ich wollte den Kindern nicht das gewohnte Umfeld nehmen.
Mein Mann wollte endlich seine Ruhe haben und sich nicht weiter mit meinen Wünschen beschäftigen müssen.
Ich ging zum Jugendamt und bat um Hilfe bei dem möglichen Streit um das Sorgerecht.
Doch da kam der Hammerschlag auf meine Seele.

Man sagte mir dort wörtlich:
„Wenn ich ausziehe, könnte ich nicht erwarten, dass ich das Sorgerecht bekommen würde. Außerdem wäre die Wohnung ja nicht in einer guten Wohnlage!“
Ich war erschüttert (und kurz danach wieder in der Klinik, Psychose Nr. 2 mit gleichen Gedanken hatte sich in meinem Leben wieder Raum gesucht.)
Beim Jugendamt bekam ich also auch keine Hilfe in der Sorge um meine Kinder.
Eben so wenig in der Klinik.
Ich war ja krank und nicht so ganz ernst zu nehmen.
Meine Kinder hatten Angst um mich und ich um sie!
Sie bemerkten meine Sorgen und auch meine Tränen.
Meine Gedanken waren neben dem Wahnsinn auch wahnsinnig besorgt um die Kinder und deren Zukunft.
Hatte ich ihre Seelen durch meinen Egoismus schon zerstört, bevor sie stark genug waren, für sich zu sorgen?
Ich verzweifelte immer mehr.
Hilfe bekam ich wieder nur in Form von Medikamenten, die sollten mich heilen.
Meine Sorgen wären nicht berechtigt.
Ich käme ja aus guten Verhältnissen und hätte einen guten Bekanntenkreis.
Über meine Krisenanlässe und Ursachen sprachen wir nicht!
Ich zog trotzdem aus und ließ die Kinder bei dem Mann, der nicht nett zu mir war.
Ich hätte auch einen anderen Weg gehen können, doch dazu fehlte mir der Mut zum Glück! Ich hatte Angst, dass danach alles noch schrecklicher werden müsste.
Unfähig zum Leben und zum Sterben zu doof und viel zu ärgerlich!

Ich will damit darauf hinweisen, dass Eltern mit psychiatrischen Krisen keine eiskalten Mörder sind, die ihre Kinder in Tiefkühltruhen und Blumenkästen entsorgen und zur Tagesordnung übergehen.

Eltern mit psychischen Krisen sind bei entsprechender Unterstützung sehr wohl in der Lage Eltern, gute Eltern zu sein.

Ihnen müssen die Kinder nicht entzogen werden, wenn sie alleinerziehend sind und auch nicht gerichtlich den Umgang verboten bekommen, wenn der „Gesunde Elternteil“ sich scheiden lässt und die Kinder mit nimmt.

Die Angst vor dem Verlust der Kinder ist riesengroß und leider berechtigt.
Die angedachten Maßnahmen zum Kindesschutz werden viele seelisch stark belasteten Eltern zu spät um Hilfe bitten lassen.

Hilfen werden im Rahmen der Trennung zwischen Eltern und Kind gewährt, jedoch nicht zum Erhalt der Beziehung und dem Kontakt zu Kindern.

Ich erlebe es im Alltag noch ganz oft, dass die Hilfen, die hilfreich sein könnten, nicht gewährt werden, weil die Kostenträger nicht mitziehen.
Meistens ist das Jugendamt der Kostenträger.
Hilfen werden oft nur zur Bürozeiten gewährt und oft sogar eine Pflegefamilie dauerhaft als besser empfunden.

Ich kenne Mütter, die das Jugendamt um Hilfe gebeten haben und keine Hilfen bekamen.
Die Listen mit den Tagesmüttern waren nicht aktuell, und der Hilfebedarf wurde nicht gesehen, weil es noch keine akute Gefahr für das Kindeswohl gab.

Wenn Mütter und Väter die Angst haben, dass sie ihre Kinder verlieren, wenn sie ihre Hilflosigkeit öffentlich machen, können sie sicher sein, dass es weiterhin Dramen wie in Darry geben wird.

Prävention sollte nicht punktuell geleistet werden. Prävention sollte familiengerecht sein.

Kinder psychisch beeinträchtigter Eltern können bei den Eltern bleiben, wenn die Eltern nicht völlig ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Wenn Eltern mit Psychiatrie-Erfahrung nicht vergessen werden und zu Eltern ohne Kinder gemacht werden, ist allen geholfen. Der direkten Familie und alle anderen Angehörigen.

Wenn Eltern mit Psychiatrie-Erfahrung nicht vergessen werden und zu Eltern ohne Kinder gemacht werden, ist allen geholfen. Der direkten Familie und alle anderen Angehörigen.

Es ist wichtig eine neue Form des Hörens anzuwenden.
Wir Eltern mit Krisen hinter uns und möglichen Krisen vor uns, können jetzt sehr wohl dazu beitragen, dass die Seelen der Kinder nicht durch ständige Verletzungen und weitere Trauer verwundet werden.

Geben Sie uns keine Ratschläge, vergessen Sie uns nicht.
Muten Sie uns auch Kindererziehung zu. Wir lieben unsere Kinder, wir sind keine Monster,
wir haben verwundete Seelen
und wünschen uns Hilfen, die uns helfen und für alle gut sind.
Nicht nur für die Kostenträger und Leistungserbringer ist Nachhaltigkeit wichtig, auch für das Kindeswohl!

Geben Sie uns die Chance uns selbst kennen zu lernen und stark zu werden.

Wir brauchen keine Vorhaltungen und Vorwürfe.
Die machen wir uns selbst und geraten dadurch in die Krise und in unsere persönlichen Höllen.
Dabei wollen wir für unsere Kinder nur das Paradies und ein gutes Leben.

Hilfen sollen helfen und nicht ängstigen.

Sprechen Sie mit uns, nicht über uns!

Geben sie unseren Kindern und uns die Chance sagen zu können:
Ein Leben mit seelisch verwundeten Eltern ist ein reiches Leben.
Es lehrt uns offen mit Konflikten, Krisen und Katharsis umzugehen.

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