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Ikarus
fliegt wieder -Neuorganisation nach seelischen Krisen ist möglich
Von Kalle Pehe
Dass Menschen in eine bedrohliche Lage geraten
können und gefordert sind, all ihre Kräfte aufzubieten, um sich
daraus zu befreien, ist eine Erfahrung, die so alt ist wie die
Menschheit. Die Idee, dass Mensch sich dabei nicht nur auf einen
kräftigen Körper, sondern auch auf seinen Geist verlassen kann,
war das zentrale Thema der Aufklärung. Die konnte auf Motive der
griechischen Mythologie zurückgreifen und sie literarisch und
philosophisch verarbeiten. Auch Religionen bauen auf mythischem
Grund. Der listenreiche Odysseus, der sich seines Verstandes bediente
und so überlebte, kann als Vorläufer des aufgeklärten Menschen
gesehen werden, der jede Aufgabe lösen kann, wenn man ihm nur
genug Zeit dafür lässt. Auf der Insel der Nymphe Kalypso brachte
er allein 7 Jahre zu, bis er mit der Hilfe höherer Mächte frei
kam. Ich erinnere mich an die Faszination, die ich als Kind beim
Lesen der Odyssee empfunden habe.
Menschen machen weiterhin Erfahrungen und lernen
daraus (oder nicht). Wir können über unsere biologische Natur
und uns selbst als Person immer wieder hinauswachsen. Das unterscheidet
uns von den Tieren. Mit diesen verbindet uns eine gemeinsame Herkunft,
die uns Grenzen setzt, zugleich aber unendliche geistige Möglichkeiten
schafft. Der Mensch kann sich als einziges Lebewesen in jedem
Individuum immer wieder neu erschaffen und als Person (und Gattungswesen)
weiterentwickeln. Erfahrungen mit dem Scheitern und andere Grenzerfahrungen
spielen dabei eine wichtige Rolle. Berichte darüber bietet unser
kulturelles Erbe zuhauf. Drachen und Zauberer, böse und gute Geister
bevölkern die Fantasie der Menschen seit Urzeiten. Sie verbildlichen
unsere Ängste und Hoffnungen. 150 Jahre industrielle Revolution
haben daran grundsätzlich nichts geändert. Immer noch sind wir
fasziniert von Geschichten, in denen es besonders bunt und geist(er)reich
zugeht. Der Erfolg von „Harry Potter“ ist ein frischer Beleg für
diese Feststellung. Von den „modernen Mythen“ haben mich „Der
Herr der Ringe“ von Tollkien, „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“
von Michael Ende besonders angesprochen.
Warum schreibe ich darüber in einer Fachzeitschrift
für Sozialpsychiatrie? Man hat mich gebeten aufzuschreiben, was
sich aus Betroffenensicht in der Psychiatrie ändern müsse. Vorweg
deshalb ein paar Bemerkungen zu meinen Erfahrungen mit Psychiatrie.
Ich habe Grenzerfahrungen gemacht, die vieles gemeinsam haben
mit den Geschichten, von denen in der Odyssee die Rede ist. Knapp
vierzigjährig fühlte ich mich berufen, den bevorstehenden ersten
Golfkrieg im Jahre 1990/91 nach dem Ultimatum des George W. Bush
an Sadam Hussein noch zu verhindern, was mir – wie Sie wissen
– nicht gelungen ist. Die Dimension des Problems war von der Art,
wie sie in Märchen als „Drachen“ beschrieben sind., also mehrere
Nummern zu groß für ein Schulmeisterlein (Physik-Biologie am Gymnasium),
das sich tapfer, wenn auch recht naiv – wie ich heute weiß -,
an dieser Aufgabe versuchte. Das Schicksal wollte es, dass ich
dabei urplötzlich unglaubliche Kräfte entwickelte. Es war, als
seien mir Flügel gewachsen, mit denen ich überall hinfliegen konnte.
Nachvollziehbar, dass mein Gefühlsleben eine Intensität bekam,
die ich nie zuvor erlebt hatte. Alles schien möglich. Ich glaubte,
in drei Monaten (solange dauerte das Ultimatum) alle Probleme
der Welt friedlich lösen zu können. Ikarus hatte sich von seiner
Insel erhoben und steuerte geradewegs auf die Sonne zu.
Sie wissen wie die Geschichte ausging? Dem tödlichen
Absturz des Ikarus entsprach bei mir die richterlich verfügte
Zwangseinweisung in die geschlossene Psychiatrie. Dort wurde aus
dem kraftvollen Himmelsstürmer rasch ein wackliges, sabberndes
Etwas. Haldol hieß der Zaubertrank und „Ja und Amen“, war die
Losung, die man von mir erwartete, wenn ich meine Ruhe haben wollte.
Nach drei (weiteren) Tagen Chaos im Kopf äußerte ich – durchaus
sachlich, wie ich mich erinnern kann – den Wunsch, künftig auf
Medikamente verzichten zu wollen, die meine Verunsicherung nur
vergrößerten. Ohne weitere Diskussion wurde ich daraufhin von
5 oder 6 Personen festgehalten und im Bett angeschnallt, bekam
eine Spritze und war kurz darauf weg. Wieder aufgewacht, war mir
klar, dass an diesem Ort Widerspruch unerwünscht war. Man glaubte
zu wissen, was mir gut tut und tat ganz nüchtern das, was man
glaubte, tun zu müssen. Psychiatriealltag.
Mir ging es dreckig. Ich wusste zu der Zeit nicht,
was mir gut tut, empfand aber, dass hier etwas mit mir geschah,
das mir nicht gut tat. Drei Tage nach der Einweisung fühlte ich
mich verloren in einer fremden Welt, deren Regeln ich nicht kannte
und die mir auch niemand erklären konnte oder wollte, einer Kafka-Welt
wie in „Der Prozeß“ beschrieben. Die Idee, dass ich selbst herausfinden
müsse, was mit mir und diesem seltsamen Ort los war, kam mir recht
früh. Ich hatte erlebt, was geschieht, wenn ich nicht mitspiele
in einem Spiel, in dem für mich nur die Rolle eines unglücklichen
Hirnkranken vorgesehen war, dem beizubringen ist, wie er seine
Symptome medikamentös zuverlässig kontrollieren kann. Den Begriff
medizinisches Krankheitskonzept dafür hörte ich erstmals von Dorothea
Buck. Er machte mir verständlich, wie Psychiater mich gesehen
und behandelt haben. In der Psychiatrie dagegen zu rebellieren,
war selbstzerstörerisch.. Ich war klug genug, eine Weile nach
den gegebenen Regeln (mit) zu spielen, die ich nach dem Prinzip
„Versuch und Irrtum“ erlernte. Nach diesem Abstecher in die Wirklichkeit
meiner Psychiatrieerfahrung wende ich mich wieder dem (Bild des)
abgestürzten Ikarus zu. Was hätte ich damals gebraucht?
Ich hätte mir eine Flugschule gewünscht, in der
ein unerfahrener Ikarus lernen kann, seine Flügel kontrolliert
zu gebrauchen. In der Psychiatrie erklärte man die Flügel zum
Problem, deren Gebrauch ich in der Tat nicht beherrschte. Dass
ich ihn erlernen könne, versuchte man mir auszureden. Reine Träumerei,
die vor den biologischen Fakten nicht bestehen kann. Medikamente
würden mich vor lebensgefährlichen Abstürzen bewahren. Denn, wer
nicht fliegen kann, der kann auch nicht abstürzen, so die Logik..
Mit ärztlicher Hilfe könne ich bald wieder in ein „normales“ Leben
(was ist das?) zurückkehren. Hoffnung, gegründet auf moderne Medikamente,
ja, das sei realistisch. Wozu Flügel?
Als die Geschichte vom Ikarus aufgeschrieben
wurde, gab es noch kein Haldol. Jemand schrieb sie nieder, der
daran glaubte, dass Menschen daraus lernen können. Ist es Fortschritt,
wenn Fachleute genau daran immer weniger glauben? Ich freue mich
darüber, dass sie gefährliche Hirntumore operativ entfernen, Knochen
reparieren und Herzen stimulieren können, die nicht mehr zuverlässig
schlagen wollen. All das ist Fortschritt. Was bedeutet Fortschritt
in der Psychiatrie? Neue, bessere Medikamente? -Wer von moderner
Technologie alles, vom Menschen aber wenig bis nichts erwartet
und das für Realismus hält (so habe ich´s erlebt), der ist eigentlich
selber arm dran und braucht Hilfe. So sehe ich das heute. Das,
was ich gebraucht habe, haben mir Menschen wie Dorothea Buck gegeben,
nicht die Psychiatrie: Ermutigung, authentische Erfahrungen mit
dem Scheitern und Wiederaufstehen.
Ein paar Worte zu meiner Person. Ich bin aktiver
Lehrer für Physik und Biologie an einem Krefelder Gymnasium und
ein Exempel für das, was seit einiger Zeit in der Psychiatrie
unter dem Schlagwort Recovery diskutiert wird. 1990 diagnostiziert
als „manisch-depressiv“ (heute „bipolar“), lebe ich seit nunmehr
10 Jahren symptomfrei und integriert in Familie und Beruf. Seit
17 Jahren leite ich die Selbsthilfegruppe „Mut zum Anderssein“
und ein Psychoseseminar, wie es von Thomas Bock und Dorothea Buck
erstmals in Hamburg konzipiert und durchgeführt wurde. Vor die
Aufgabe gestellt, mir selbst zu helfen, weil mir „ein Leben mit
der Krankheit“ (so die Perspektive für mich in der Psychiatrie)
wenig attraktiv erschien, habe ich alles Mögliche gelesen (vor
allem Biografien) und daraufhin abgeklopft, ob es mir bei der
Verarbeitung meiner Erlebnisse helfen kann. Fündig wurde ich bei
Dorothea Buck und anderen Betroffenen, deren Erfahrungen mich
weiter brachten. In den Naturwissenschaften stieß ich auf Chaosforschung
und Spieltheorie, über die ich mir einen anderen Zugang zu einem
nicht pathologisierenden Verständnis seelischer Abläufe verschaffte.
Ich profitierte von der Hermeneutik, über die ich bei Gadamer
gelesen habe und der Stresstheorie des Neurobiologen Gerald Hüther.
Adolf Portmann zeigte mir einen Platz für die Seele in einer entseelenden
(das macht ihre Methode aus!) Naturwissenschaft. Albert Schweitzer
stieß mich auf die Ehrfurcht vor dem Leben. Bei Erich Fromm verstand
ich das Wesen der menschlichen Destruktivität und den Unterschied
zwischen Optimismus und Zuversicht. Die mir durch meine Krisen
gestellten Aufgaben habe ich inzwischen gelöst, so dass weitere
vorerst nicht mehr nötig sind. Die Welt ist auch ohne mich krisenhaft
genug. (Vielleicht vermeidbare) Kriege werden die Menschen auch
künftig beschäftigen und hoffentlich früh genug „auf die Palmen“
bringen. Der Satz „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes
zu bedienen,“ mit dem Kant ein neues Zeitalter einläutete, hat
mich an einem Ort erreicht, den ich damals als von (fast) allen
guten Geistern verlassen erlebt habe. Er stand am Beginn meiner
Recovery-Reise, die inzwischen in ruhigeren Gewässern weitergeht.
Fachleute, die dies lesen, sollen wissen, dass ich Recovery in
den von ihnen verantworteten Institutionen nur subversiv leben
konnte. Als jemand, der seinen Weg ohne die als unverzichtbar
geltenden Psychopharmaka gehen wollte und gegangen ist, galt ich
lange als Gefahr für andere Patienten, die durch mich nur auf
„dumme Gedanken“ kämen. Mittlerweile ist klar, dass ich wirklich
keine Psychopharmaka brauche. Als Mitglied der Psychosozialen
Arbeitsgemeinschaft (PSAG) in Krefeld erfahre ich inzwischen auch
als ehemaliger Patient Respekt für meinen eigensinnigen Weg abseits
der Psychiatrie. Ich glaube an den Menschen, weil ich wieder an
mich selbst glauben kann. Ob Menschen mir als Psychiater, Krankenschwester,
Angehöriger, in der Betroffenen-oder einer gänzlich anderen Rolle
begegnen, ist dabei nebensächlich. Fortsetzung dieses kleinen
Ikarus-Flugkurses (meinetwegen subversiv) in unserem kleinen,
selbstgeschaffenen Universum auf www.mut-zum-anderssein.de.Wem
dabei „dumme Gedanken“ kommen, der kann den beigefügten Katalog
vielleicht als Wegweiser im Psychiatriealltag nutzen. Gänzlich
neu dürfte er nicht sein. Es handelt sich um Gutes, dass es nicht
gibt, außer wenn man tut es.
Selbstverständlich, da gesetzlich vorgeschrieben,
aber zur Erinnerung:
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Kontakt:
Mut zum Anderssein – Krefeld
Kalle Pehe
Von-Steuben-Str.30
47 803 Krefeld
Tel 02151 / 87 58 04
Email: kallepehe[at]arcor.de
HP: www.mut-zum-anderssein.de
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