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Gewalt,
Zwang und Demütigung: Psychiatrie als Trauma
Von Peter Weinmann
Psychiatrie war nicht mein Ursprungsproblem.
Psychiatrie war aber auch nicht Teil der Lösung. Im Gegenteil
fügte sie dem Ursprungsproblem ein neues Problem hinzu, das jenes
sogar lange überlagerte und dadurch noch schwerer zugänglich machte.
Ich möchte vom unerfreulichsten meiner zehn unerfreulichen
Aufenthalte in der Psychiatrie berichten, um meine Erfahrungen
mit den repressiven Strukturen der Psychiatrie zu veranschaulichen.
Im Juni 1997 wurde ich zum siebten Mal zwangsuntergebracht, und
zwar in der Klinik in Völklingen/Saar. Nach ein paar Tagen beschlossen
die PsychiaterInnen, mich vorbeugend dreimal täglich für je zweieinhalb
Stunden ans Bett zu fesseln. Als Begründung wurde mir fünf Jahre
später vom damaligen Chefarzt schriftlich kurz mitgeteilt, ich
hätte eine Krankenschwester angegriffen. Meines Wissens erfolgte
die erste „Fixierung“ jedoch als Reaktion bzw. Sanktion nach einem
ersten Fluchtversuch. Meine schriftliche Nachfrage dazu blieb
unbeantwortet.
An Armen und Beinen festgebunden, erhielt ich
jeden Tag dreimal - morgens, mittags und abends - Neuroleptika,
über einen zentralen Herzvenenkatheter. Nach Beendigung der Infusionen
blieb ich jeweils weitere zwei Stunden ans Bett gefesselt. Zum
Ausscheiden von Kot und Urin wurde eine Hand losgebunden und mir
wurden Bettpfanne und Urinflasche gereicht, auch in Anwesenheit
von BesucherInnen. Ich wurde genötigt einzunässen, wenn das Personal
keine Zeit hatte, mir eine leere Urinflasche zu bringen.
Flucht vor demütigender „Therapie“
Dieser demütigenden „Therapie“ konnte ich mich nach ein paar Tagen
durch Flucht entziehen. Die Polizei wurde eingeschaltet, um intensiv
nach mir zu fahnden. Bekannte trugen mir zu, dass an allen Orten,
an denen ich mich seinerzeit für gewöhnlich aufhielt, regelmässig
PolizeibeamtInnen nach mir suchten. („Nur weil jemand paranoid
ist, heisst das nicht, dass er nicht verfolgt wird“). Auf die
telefonische Zusage der Stationsärztin hin, dass auf die vorstehend
beschriebene Art der „Behandlung“ in Zukunft verzichtet würde,
begab ich mich aus einem sicheren Versteck heraus freiwillig in
diese Klinik zurück. Kaum hatte ich die Station betreten, wurde
ich gezwungen, mich ans Bett fesseln zu lassen und die gleiche
„Therapie“ ging weiter. Nach Tagen gelang mir erneut die Flucht.
Einen Tag später wurde ich im Behandlungszimmer des zweiten Saarbrücker
Psychiaters, den ich um Hilfe ersuchte, von der Polizei festgenommen
und wiederum nach Völklingen zurückgebracht. Damals intervenierte
für mich erfolgreich ein befreundeter Rechtsanwalt, den ich während
meiner Flucht bevollmächtigen konnte. Er erstattete Strafanzeige
wegen Körperverletzung und aller weiteren in Betracht kommenden
Straftatbestände. Aufgrund seines Engagements wurde der Unterbringungsbeschluss
aufgehoben, und ich konnte diese Klinik Anfang Juli 1997 verlassen.
Abspaltung, Abstumpfung, Erstarrung
Um mit solchen Erlebnissen einigermassen überleben zu können,
war meine Reaktion in den 90er-Jahren, das Geschehene von mir
abzuspalten, gefühlsmässig abzustumpfen, zu erstarren. Liebevolle
Beziehungen zum Leben, zu Menschen waren nicht möglich. Mein davor
lebhaftes sexuelles Interesse am anderen Geschlecht ging gegen
Null, ebenso dasjenige an anderen alten Leidenschaften wie Fussball,
Musik, Literatur und Politik. Ich verbrachte viel Zeit im Bett,
sah viel fern, rauchte viele Zigaretten und trank viele Biere.
Im Traum wurde ich manchmal in die Psychiatrie gebracht und misshandelt,
aber nie so drastisch wie in der Wirklichkeit.
Den Pfleger, der mich in Völklingen regelmässig pflichtbewusst
und mit äusserster Sorgfalt gefesselt und an die Schläuche angeschlossen
hatte, habe ich - Jahre später in der Saarbrücker Altstadt – ein
Mal wieder gesehen. Während in meinem Körper Unmengen von Stresshormonen
pulsten und ein Schauder den nächsten meinen Rücken herunter jagte,
lächelte dieser Mensch mich an und winkte freundlich. Ich war
fassungslos, aber beliess es dabei, ihn lange mit erigiertem Mittelfinger
zurück zu grüssen und meine wirklich nette Begleitung kurz dazu
aufzuklären.
Misshandlung, Ohnmacht, Kapitulation
Psychiatrie prägte zehn Jahre lang mein Leben, ab 1989, mit dem
Ende meines ersten Hochschulstudiums. Die Widersprüche und die
Zerrissenheit, die ich durch meine Biographie und die damit verbundenen
gesellschaftlichen Umstände mitbrachte, waren nicht mehr lebbar.
Gefühle von Verlorenheit, Wurzellosigkeit und fehlendes Urvertrauen
bestimmten diese Zeit. Veränderte Bewusstseinszustände, so genannte
„Psychosen“, waren die Lösungsversuche meines Unterbewusstseins
aus der als unerträglich erlebten Realität. Zwang und Gewalt in
der Psychiatrie verstärkten die Ursprungsprobleme und nötigten
mich, ein Muster immer wieder zu wiederholen: Es begann mit Aufbruch,
Offenlegung und Ausbruch von guten Gefühlen und von Ängsten. Dadurch
störte ich andere Menschen. Es wurden die Polizei und/oder die
Psychiatrie eingeschaltet. Dort erlebte ich Ohnmacht, Demütigung
und Misshandlung, Widerstand und Kapitulation, das „Runterspritzen“
mittels hochdosierter Neuroleptika und anschliessend jeweils eine
monatelange postpsychiatrische Depression.
Statt Gefühle in einem geschützten Rahmen wiedererlebbar, aufarbeitbar,
integrierbar und dadurch die Lebenskrise überwindbar zu machen,
setzte die Psychiatrie mir gegenüber ihr biologistisches Behandlungskonzept
mit Gewalt durch. Anstatt mich mit der Rückgewinnung meines fehlenden
Urvertrauens in diese Welt beschäftigen zu können, stand für mich
viele Jahre lang individueller Widerstand in der Psychiatrie im
Vordergrund.
„Waffenstillstand“ mit der Klinik
Im Jahr 2000 konnte ich meine Strategie ändern und über eine Behandlungsvereinbarung
einen „Waffenstillstand“ mit der örtlichen psychiatrischen Klinik
abschliessen. Durch mein Engagement in der saarländischen Psychiatrie-Erfahrenen-Selbsthilfe
(LVPE Saar e.V.) konnte ich meinen Widerstand gegen Zwang und
Gewalt in der Psychiatrie auf eine strukturelle Ebene anheben.
Lange Zeit hatte ich psychiatrische Psychopharmaka infolge meiner
schlechten Erfahrungen in der Psychiatrie grundsätzlich abgelehnt.
Erst mit der Jahrtausendwende begann ich, Psychopharmaka selbstbestimmt
und sinnvoll einzusetzen, um symptomorientiert und kontrolliert
akute Krisenphasen lebbar zu machen. Von Matthias Seibt aus Bochum,
Psychopharmaka-Berater des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener
(BPE e.V.), lernte ich mit Erfolg den kurzzeitigen Umgang mit
Bedarfsmedikamenten gegen unerwünschte Bewusstseinsveränderungen,
die Klinikaufenthalte nach sich ziehen könnten.
Hartnäckigkeit, Eigensinn und Glück
Ich brauchte lange, um mich von den traumatischen Erlebnissen
zu erholen, Schutzräume boten dabei die Selbsthilfearbeit und
eine Wohngemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener, die von aufgeschlossenen
PsychologInnen hilfreich ambulant begleitet wurde. Langsam, ängstlich
und vorsichtig - angesichts drohender neuer traumatischer Erfahrungen
mit Psychiatrie - begann ich ab 2002, Erlebnisse, Ziel und Bedeutung
meiner „Psychosen“ aufzuarbeiten. Es gelang mir unter zu Hilfenahme
einiger innerer und äusserer Ressourcen, die Inhalte in ein grosses
Ganzes - sowohl meine Person als auch die Welt und das Leben selbst
betreffend - zu integrieren. Der Beitrag der Psychiatrie zu diesem
Prozess war sehr gering, nicht vorhanden oder negativ.
1999 war ich zum letzten Mal als Patient in einer psychiatrischen
Klinik untergebracht. Seit 2002 habe ich keine psychiatrischen
Psychopharmaka mehr genommen. Beruflich und privat lebe ich mittlerweile
das Leben, das ich gerne leben möchte. Von 2000 bis 2006 habe
ich auf einer bezahlten Halbtagsstelle die Selbsthilfeanlaufstelle
Psychiatrie-Erfahrener in Saarbrücken geleitet. Seit April 2006
bin ich als Sozialarbeiter und Projektleiter im Saarländischen
Tageszentrum Psychiatrie-Erfahrener für selbstbestimmte Alltagsgestaltung
(STaPE) in Saarbrücken tätig, eine derzeit in Deutschland noch
einzigartige Krisenhilfeeinrichtung. Das STaPE ist mit öffentlichen
Geldern finanziert, erbringt „Hilfen für erwachsene seelisch behinderte
Menschen in Form von Leistungen zur selbstbestimmten Alltagsgestaltung“
und wird von Psychiatrie-Erfahrenen geleitet.
Dank Hartnäckigkeit, Eigensinn und Glück - als
Patient habe ich mit Psychiatrie nichts mehr zu tun.
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