zurück zur Übersicht

zurück zum Inhalt 2/08

 Rundbrief
Ausgabe 2/2008

Gewalt, Zwang und Demütigung: Psychiatrie als Trauma
Von Peter Weinmann

Psychiatrie war nicht mein Ursprungsproblem. Psychiatrie war aber auch nicht Teil der Lösung. Im Gegenteil fügte sie dem Ursprungsproblem ein neues Problem hinzu, das jenes sogar lange überlagerte und dadurch noch schwerer zugänglich machte.

Ich möchte vom unerfreulichsten meiner zehn unerfreulichen Aufenthalte in der Psychiatrie berichten, um meine Erfahrungen mit den repressiven Strukturen der Psychiatrie zu veranschaulichen. Im Juni 1997 wurde ich zum siebten Mal zwangsuntergebracht, und zwar in der Klinik in Völklingen/Saar. Nach ein paar Tagen beschlossen die PsychiaterInnen, mich vorbeugend dreimal täglich für je zweieinhalb Stunden ans Bett zu fesseln. Als Begründung wurde mir fünf Jahre später vom damaligen Chefarzt schriftlich kurz mitgeteilt, ich hätte eine Krankenschwester angegriffen. Meines Wissens erfolgte die erste „Fixierung“ jedoch als Reaktion bzw. Sanktion nach einem ersten Fluchtversuch. Meine schriftliche Nachfrage dazu blieb unbeantwortet.

An Armen und Beinen festgebunden, erhielt ich jeden Tag dreimal - morgens, mittags und abends - Neuroleptika, über einen zentralen Herzvenenkatheter. Nach Beendigung der Infusionen blieb ich jeweils weitere zwei Stunden ans Bett gefesselt. Zum Ausscheiden von Kot und Urin wurde eine Hand losgebunden und mir wurden Bettpfanne und Urinflasche gereicht, auch in Anwesenheit von BesucherInnen. Ich wurde genötigt einzunässen, wenn das Personal keine Zeit hatte, mir eine leere Urinflasche zu bringen.

Flucht vor demütigender „Therapie“
Dieser demütigenden „Therapie“ konnte ich mich nach ein paar Tagen durch Flucht entziehen. Die Polizei wurde eingeschaltet, um intensiv nach mir zu fahnden. Bekannte trugen mir zu, dass an allen Orten, an denen ich mich seinerzeit für gewöhnlich aufhielt, regelmässig PolizeibeamtInnen nach mir suchten. („Nur weil jemand paranoid ist, heisst das nicht, dass er nicht verfolgt wird“). Auf die telefonische Zusage der Stationsärztin hin, dass auf die vorstehend beschriebene Art der „Behandlung“ in Zukunft verzichtet würde, begab ich mich aus einem sicheren Versteck heraus freiwillig in diese Klinik zurück. Kaum hatte ich die Station betreten, wurde ich gezwungen, mich ans Bett fesseln zu lassen und die gleiche „Therapie“ ging weiter. Nach Tagen gelang mir erneut die Flucht.
Einen Tag später wurde ich im Behandlungszimmer des zweiten Saarbrücker Psychiaters, den ich um Hilfe ersuchte, von der Polizei festgenommen und wiederum nach Völklingen zurückgebracht. Damals intervenierte für mich erfolgreich ein befreundeter Rechtsanwalt, den ich während meiner Flucht bevollmächtigen konnte. Er erstattete Strafanzeige wegen Körperverletzung und aller weiteren in Betracht kommenden Straftatbestände. Aufgrund seines Engagements wurde der Unterbringungsbeschluss aufgehoben, und ich konnte diese Klinik Anfang Juli 1997 verlassen.

Abspaltung, Abstumpfung, Erstarrung
Um mit solchen Erlebnissen einigermassen überleben zu können, war meine Reaktion in den 90er-Jahren, das Geschehene von mir abzuspalten, gefühlsmässig abzustumpfen, zu erstarren. Liebevolle Beziehungen zum Leben, zu Menschen waren nicht möglich. Mein davor lebhaftes sexuelles Interesse am anderen Geschlecht ging gegen Null, ebenso dasjenige an anderen alten Leidenschaften wie Fussball, Musik, Literatur und Politik. Ich verbrachte viel Zeit im Bett, sah viel fern, rauchte viele Zigaretten und trank viele Biere. Im Traum wurde ich manchmal in die Psychiatrie gebracht und misshandelt, aber nie so drastisch wie in der Wirklichkeit.
Den Pfleger, der mich in Völklingen regelmässig pflichtbewusst und mit äusserster Sorgfalt gefesselt und an die Schläuche angeschlossen hatte, habe ich - Jahre später in der Saarbrücker Altstadt – ein Mal wieder gesehen. Während in meinem Körper Unmengen von Stresshormonen pulsten und ein Schauder den nächsten meinen Rücken herunter jagte, lächelte dieser Mensch mich an und winkte freundlich. Ich war fassungslos, aber beliess es dabei, ihn lange mit erigiertem Mittelfinger zurück zu grüssen und meine wirklich nette Begleitung kurz dazu aufzuklären.

Misshandlung, Ohnmacht, Kapitulation
Psychiatrie prägte zehn Jahre lang mein Leben, ab 1989, mit dem Ende meines ersten Hochschulstudiums. Die Widersprüche und die Zerrissenheit, die ich durch meine Biographie und die damit verbundenen gesellschaftlichen Umstände mitbrachte, waren nicht mehr lebbar. Gefühle von Verlorenheit, Wurzellosigkeit und fehlendes Urvertrauen bestimmten diese Zeit. Veränderte Bewusstseinszustände, so genannte „Psychosen“, waren die Lösungsversuche meines Unterbewusstseins aus der als unerträglich erlebten Realität. Zwang und Gewalt in der Psychiatrie verstärkten die Ursprungsprobleme und nötigten mich, ein Muster immer wieder zu wiederholen: Es begann mit Aufbruch, Offenlegung und Ausbruch von guten Gefühlen und von Ängsten. Dadurch störte ich andere Menschen. Es wurden die Polizei und/oder die Psychiatrie eingeschaltet. Dort erlebte ich Ohnmacht, Demütigung und Misshandlung, Widerstand und Kapitulation, das „Runterspritzen“ mittels hochdosierter Neuroleptika und anschliessend jeweils eine monatelange postpsychiatrische Depression.
Statt Gefühle in einem geschützten Rahmen wiedererlebbar, aufarbeitbar, integrierbar und dadurch die Lebenskrise überwindbar zu machen, setzte die Psychiatrie mir gegenüber ihr biologistisches Behandlungskonzept mit Gewalt durch. Anstatt mich mit der Rückgewinnung meines fehlenden Urvertrauens in diese Welt beschäftigen zu können, stand für mich viele Jahre lang individueller Widerstand in der Psychiatrie im Vordergrund.

„Waffenstillstand“ mit der Klinik
Im Jahr 2000 konnte ich meine Strategie ändern und über eine Behandlungsvereinbarung einen „Waffenstillstand“ mit der örtlichen psychiatrischen Klinik abschliessen. Durch mein Engagement in der saarländischen Psychiatrie-Erfahrenen-Selbsthilfe (LVPE Saar e.V.) konnte ich meinen Widerstand gegen Zwang und Gewalt in der Psychiatrie auf eine strukturelle Ebene anheben.
Lange Zeit hatte ich psychiatrische Psychopharmaka infolge meiner schlechten Erfahrungen in der Psychiatrie grundsätzlich abgelehnt. Erst mit der Jahrtausendwende begann ich, Psychopharmaka selbstbestimmt und sinnvoll einzusetzen, um symptomorientiert und kontrolliert akute Krisenphasen lebbar zu machen. Von Matthias Seibt aus Bochum, Psychopharmaka-Berater des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE e.V.), lernte ich mit Erfolg den kurzzeitigen Umgang mit Bedarfsmedikamenten gegen unerwünschte Bewusstseinsveränderungen, die Klinikaufenthalte nach sich ziehen könnten.

Hartnäckigkeit, Eigensinn und Glück
Ich brauchte lange, um mich von den traumatischen Erlebnissen zu erholen, Schutzräume boten dabei die Selbsthilfearbeit und eine Wohngemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener, die von aufgeschlossenen PsychologInnen hilfreich ambulant begleitet wurde. Langsam, ängstlich und vorsichtig - angesichts drohender neuer traumatischer Erfahrungen mit Psychiatrie - begann ich ab 2002, Erlebnisse, Ziel und Bedeutung meiner „Psychosen“ aufzuarbeiten. Es gelang mir unter zu Hilfenahme einiger innerer und äusserer Ressourcen, die Inhalte in ein grosses Ganzes - sowohl meine Person als auch die Welt und das Leben selbst betreffend - zu integrieren. Der Beitrag der Psychiatrie zu diesem Prozess war sehr gering, nicht vorhanden oder negativ.
1999 war ich zum letzten Mal als Patient in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Seit 2002 habe ich keine psychiatrischen Psychopharmaka mehr genommen. Beruflich und privat lebe ich mittlerweile das Leben, das ich gerne leben möchte. Von 2000 bis 2006 habe ich auf einer bezahlten Halbtagsstelle die Selbsthilfeanlaufstelle Psychiatrie-Erfahrener in Saarbrücken geleitet. Seit April 2006 bin ich als Sozialarbeiter und Projektleiter im Saarländischen Tageszentrum Psychiatrie-Erfahrener für selbstbestimmte Alltagsgestaltung (STaPE) in Saarbrücken tätig, eine derzeit in Deutschland noch einzigartige Krisenhilfeeinrichtung. Das STaPE ist mit öffentlichen Geldern finanziert, erbringt „Hilfen für erwachsene seelisch behinderte Menschen in Form von Leistungen zur selbstbestimmten Alltagsgestaltung“ und wird von Psychiatrie-Erfahrenen geleitet.

Dank Hartnäckigkeit, Eigensinn und Glück - als Patient habe ich mit Psychiatrie nichts mehr zu tun.

oben 

zurück zum Inhalt 2/08