Rede
anlässlich der Verleihung
des Bundesverdienstkreuzens am Bande
an Frau Ursula Zingler am 17. April 2008 in Lauffen
Von
Ministerialdirektor Max Munding
Liebe Frau Zingler,
Lieber Herr Zingler,
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Waldenberger,
Sehr geehrter Herr Ehrenbürger (Gotthilf) Link,
Verehrte Mitglieder des Gemeinderats
Konrad Adenauer hat einmal den Satz gesagt:
„Ehrungen, das ist, wenn die Gerechtigkeit ihren guten Tag hat.“
Das ist ein schöner und treffender Satz.
Wir haben uns heute versammelt, weil wir uns
darüber freuen, dass die Gerechtigkeit heute solch „einen guten
Tag hat“.
Es ist mir eine besondere Freude und auch Ehre,
Ihnen, liebe Frau Zingler, das Bundesverdienstkreuz überreichen
zu dürfen.
Ich freue mich, dass Sie diese hohe Auszeichnung
erhalten.
Ich freue mich als Mitglied der Landesregierung.
Aber ich freue mich auch ganz persönlich.
Wollte ich an dieser Stelle Ihr Wirken und Ihren
Einsatz in zahlreichen Ehrenämtern auch nur annähernd würdigen,
so müsste ich nun mit einer langen Aufzählung beginnen.
Ich will das nicht tun, weil man das Bundesverdienstkreuz nicht
dafür erhält, dass man sich an möglichst vielen Stellen besonders
verdienstvoll hervorgetan hat.
Sondern man erhält es dafür, dass man - an welcher
Stelle auch immer - dauerhaft und mit großem persönlichen Einsatz
Vorbildliches für unser Gemeinwesen geleistet hat.
Und genau das haben Sie getan, Frau Zingler,
und sie tun es noch immer.
Meine Damen und Herren,
Frau Zingler setzt sich nun schon seit einem Vierteljahrhundert
mit aller Energie und Zielstrebigkeit für psychisch Kranke ein.
Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage:
Sie hat die Selbsthilfe der Psychiatrie-Erfahrenen nicht nur hier
im Land, sondern auch auf Bundesebene wie kaum jemand sonst vorangebracht.
Erinnern wir uns: Psychische Krankheit war in unserer Gesellschaft
lange Zeit mit einem Stigma behaftet.
Wer psychisch erkrankt war, litt vielfach unter
dem Gefühl, gesellschaftlich ausgegrenzt zu sein.
Frau Zingler sagte sich: Das darf nicht so bleiben!
Die Stigmatisierung psychisch Kranker muss aufhören.
Und diese kranken Menschen müssen die Hilfe bekommen, die sie
benötigen.
Heute – im Abstand von mittlerweile 25 Jahren
– kann man sagen: Frau Zingler hat großen Anteil daran, dass wir
diesem Ziel entscheidende Schritte näher gekommen sind.
Psychisch Erkrankte erfahren heute weit mehr
Respekt und Anerkennung als früher.
Ursula Zingler konnte viel dazu beitragen, weil
sie auf etwas Entscheidendes hinwies:
Eine psychische Erkrankung kann jeden Menschen treffen!
Schwere Schicksalsschläge, Traumatisierungen,
Unfälle, der Verlust von geliebten Menschen – es gibt viele Ursachen,
die Menschen in psychische Nöte führen können.
So ist es entscheidend auch ein Verdienst von
Ursula Zingler, dass das psychiatrische Versorgungssystem in Baden-Württemberg
heute ein so hohes Niveau hat:
Professionelle Hilfen sind flächendeckend und
vielfältig ausgebaut.
Für die medizinische und therapeutische Behandlung
gibt es eine Vielzahl niedergelassener Fachärzte und Psychologen.
Dazu kommen die Fachkrankenhäuser und psychiatrischen
Abteilungen der Allgemeinkrankenhäuser.
Nicht zu vergessen: die Tageskliniken und Institutsambulanzen.
Und außerhalb der Kliniken die vielen Sozialpsychiatrischen
Dienste, Tagesstätten, Heime, das betreute Wohnen und natürlich
die Werkstätten für psychisch behinderte Menschen und Integrationsfachdienste.
So wichtig all diese Einrichtungen sind, eines
ist auch klar:
Psychisch erkrankte Menschen sollten nicht nur
mit Ärzten, Therapeuten und Sozialarbeitern zu tun haben.
Kranke Menschen brauchen nicht nur professionelle
Hilfe.
Sie brauchen vor allem auch menschliche Zuwendung.
Um psychisch Kranken das Gefühl zu geben, dass
sie in die Gemeinschaft integriert sind und dass sie dazugehören,
braucht es vor allem auch verlässliche menschliche Kontakte. Braucht
es Anerkennung und Begleitung.
Vielen psychisch Erkrankten fallen solche mitmenschlichen
Bezüge schwer.
Und daher ist bürgerschaftliches Engagement so wichtig.
Ohne ehrenamtliches Engagement wäre die beste
Versorgung nicht vollständig.
Erst wenn beides zusammenkommt - professionelle
Hilfe und menschliche Begleitung - sind die Chancen für Heilung
gut.
Frau Zingler hat das am eigenen Leib erfahren.
Sie hatte eine Familie gegründet, sie war ein langes Arbeitsleben
als Redakteurin und Korrektorin in einem Verlag tätig.
Und dann - im mittleren Lebensalter - ist ihr
widerfahren, was jedem passieren kann: Sie ist psychisch erkrankt.
Aber Frau Zingler war und ist noch heute eine
starke Frau:
Sie hat die Krankheit – auch mit Hilfe von ihr nahestehenden Menschen
- überwunden.
Sie sehen: Ursula Zingler weiß, wovon sie redet.
Die eigene Erfahrung mit einer psychischen Erkrankung wurde zum
entscheidenden Impuls für ihr Engagement.
Wie so oft im Leben, ist aus einer Krise – in
diesem Fall der erfolgreichen Bewältigung einer Krankheit - ein
Glücksfall für unsere Gesellschaft geworden.
Der „Glücksfall“ begann 1982. In der „Brücke“,
einem Treffpunkt für Psychiatrie-Erfahrene in Stuttgart.
Frau Zingler hat dort 12 Jahre als Bürgerhelferin
mitgearbeitet.
Sie hat sich damals für die Einrichtung der Stuttgarter
Beschwerdestelle für psychisch Kranke eingesetzt. Mit Erfolg.
Die Beschwerdestelle ist heute ein wichtiger
Grundstein für die landesweite Konzeption „Patientenfürsprecher“.
Jahre später, 1991, hat sie dann als Gründungsmitglied
die „Initiative Psychiatrie-Erfahrener“ (IPE) Stuttgart auf den
Weg gebracht.
Damit nicht genug: Frau Zingler wurde auch auf
Landesebene und sogar über die Landesgrenzen hinaus aktiv.
1992 war sie an der Gründung des „Bundesverbands
Psychiatrie-Erfahrener“ beteiligt, dessen Vorstand sie bis heute
angehört.
1993 war sie Gründungsvorsitzende der „Landesarbeits-gemeinschaft
Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg“, die im Jahr 2004 in
„Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg“ umbenannt
wurde.
Auch hier hält sie bis heute den Vorsitz inne.
Und ganz wichtig: Frau Zingler vertritt diesen
Landesverband seit 1994 auch im „Landesarbeitskreis Psychiatrie“
des Ministeriums für Arbeit und Soziales Baden-Württemberg.
Dieser Arbeitskreis ist das Gremium, in dem alle Akteure der psychiatrischen
Versorgung und die Betroffenenverbände des Landes die Weiterentwicklung
der psychiatrischen Versorgung beraten und abstimmen.
Wo auch immer es in den letzten Jahren um die
Belange der psychisch Erkrankten ging
- im Berufungsausschuss der Ärzte in Baden-Württemberg,
- im Deutschen Bündnis gegen Depression e.V.,
- im Deutschen Netzwerk für seelische Gesundheit und
- im „Arbeitskreis zur Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung“
des Bundesgesundheitsministeriums -
Frau Zingler war und ist zum Teil bis heute entscheidend
daran beteiligt.
Sie hat auf Verbandsebene dazu beigetragen, dass
die Versorgung psychisch kranker Menschen in Baden-Württemberg
und darüber hinaus auf hohem Niveau realisiert werden konnte.
Und sie hat sich gleichzeitig an der Basis unermüdlich
für die Stärkung der Selbsthilfegruppen Psychiatrie-Erfahrener
eingesetzt.
Individuelle Anfragen, Hilferufe von betroffenen
Menschen –
Frau Zingler half, wo sie nur konnte.
Noch heute zeigt sie in leidenschaftlichen, oft
pointierten Reden auf, was psychisch erkrankte Menschen brauchen
und was wir Ihnen nicht vorenthalten dürfen.
Und ihre Stimme wird gehört, weil sie nicht nur
engagiert und leidenschaftlich, sondern auch sachkundig argumentiert.
Mit einem Wort:
Psychisch erkrankte Menschen in unserem Land haben in Ursula Zingler
ihren denkbar besten Anwalt gefunden.
Und das nun schon seit über 25 Jahren!

Ursula Zingler macht allen psychisch Erkrankten Mut:
Psychische Krankheit muss kein Dauerzustand sein. Sie kann – so
wie sie es selbst geschafft hat – überwunden werden!
Ihr könnt und ihr sollt gesund werden!
Das ist die Überzeugung und die Kraft, die Frau Zingler an psychisch
Erkrankte weitergegeben hat.
Liebe Frau Zingler,
Sie haben damit den psychisch Erkrankten und unserem ganzen Gemeinwesen
einen wertvollen und sehr persönlichen Dienst erwiesen.
Sie haben den Geist der Nächstenliebe gelebt
und anderen vorgelebt. Menschlich vorbildlich und zugleich sympathisch.
Ich sage ganz deutlich: Es sind vor allem starke
Frauen wie Sie, Frau Zingler, die dafür sorgen, dass unser Land
nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern auch menschlich
ist und bleibt.
Zu einer humanen Gesellschaft gehört es, dass
kranke und auch behinderte Mitmenschen in ihrer Mitte aufgenommen
und eben nicht an den Rand gedrängt werden.
Dafür haben Sie gekämpft und gearbeitet – und
Sie tun es immer noch.
Das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik
Deutschland soll Ihnen ein sichtbares Zeichen des Dankes sein,
den Ihnen unser Land für Ihre langjährigen Verdienste schuldet.
Ohne Sie, ohne Ihren Einsatz hätten viele Menschen
nicht die Hilfe erhalten, die Sie brauchen.
Ich möchte Ihnen - auch im Namen von Ministerpräsident
Günther Oettinger - meinen Dank und meine Anerkennung für Ihre
Leistungen aussprechen.
Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu dieser
Auszeichnung!
Mögen Sie noch lange wirken – für die psychisch Erkrankten in
unserem Land.
Ich wünsche Ihnen Gesundheit und weiterhin viel
Lebensfreude. Herzlichen Dank und alles Gute für die Zukunft!
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