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 Rundbrief - Online-Sonderausgabe
1.9. - Gedenktag für die Opfer der Euthanasiegesetze

Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung!
Von Regina Schmidt-Zadel

Unter Mitwirkung radikaler Wissenschaftler erließen die Nationalsozialisten 1935 ihre Erbgesundheitsgesetze.

Nachdem mit der Zwangssterilisierung von 300.000 Menschen allein bis Kriegsbeginn der erste Schritt der Ausrottung «unerwünschten Erbguts» getan war, vollzog Hitler mit seinen Anhängern - und er hatte genug Gleichgesinnte - unmittelbar nach Kriegsbeginn den zweiten radikalen Schritt: die Aktion „Tiergartenstraße 4“ und ordnete die Tötung von angeblich unheilbar Kranken an.

Alle psychiatrischen Krankenhäuser, auch die kirchlichen Anstalten - eine unvorstellbare Perversion der Aufgabe psychiatrischer Krankenhäuser - erhielten den Befehl, alle psychisch Kranken, die unter den Führerbefehl fielen, auf Formblättern zu melden.

Die Entscheidung über Leben oder Tod fiel durch ein Kreuzchen auf dem Formblatt, das mit jeweils fünf Pfennig vergütet wurde. Mehr als 300000 Menschen wurden Opfer eines Vernichtungsprogramm, wie es menschenverachtender und unvorstellbarer nicht sein kann.

Was die Tötung für die Familien der Gemordeten, was sie für andere Kranken bedeutete, die das Glück hatten, diesem grauenhaften Schicksal zu entgehen, lässt sich heute kaum noch ermessen. Vergessen wir aber nicht, wie schon in den Jahrzehnten davor mit psychisch Kranken umgegangen wurde. Die bequemsten Orte der Unterbringung waren Orte des Vergessens. Vergessen wurden die Kranken in den psychiatrischen Anstalten im Laufe nicht nur von vielen Angehörigen, sondern auch von der Öffentlichkeit, von Gemeinden, Städten, Regierungen. Erst dieser historische Sachverhalt macht verständlich, was den Kranken mit den Erbgesundheitsgesetzen und dem Euthanasieprogramm angetan werden konnte

Und vergessen wir auch nicht, bis in die siebziger Jahre blieben die psychiatrischen Anstalten Orte der Ausgrenzung mit elenden und menschenunwürdigen Lebensbedingungen, Orte des Abschiebens der als Nicht-Heilbar-Abgestempelten, und bis heute erleben Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen alltägliche Ausgrenzungen und Stigmatisierungen – in seinem Ausmaß nicht miteinander vergleichbar aber tief verletzend und ein alltäglicher Verstoß gegen das Grundgesetz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Es ist gerade mal ein Jahr her, dass der Bundestag ein Gleichbehandlungsgesetz hat verabschieden müssen, um hier für mehr Schutz zu sorgen.

Und das Vergessen und das Übersehen der Ausgrenzungen psychisch Kranker ist Teil der Ausgrenzung!

So ist dieser Ort eine Gedenkstätte für die Opfer der Erbgesundheitsgesetze, aber sollte auch ein Mahnmal sein, sich gemeinsam gegen die Ausgrenzung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen und für deren gesellschaftliche Teilhabe einzusetzen.

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