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 Rundbrief - Online-Sonderausgabe
1.9. - Gedenktag für die Opfer der Euthanasiegesetze


Vor dem Vergessen bewahren!

Von Birgit Görres, Dachverband Gemeindepsychiatrie

Unter diesem Motto trafen sich am 1. September ca. 160 Menschen in Berlin, Tiergartenstrasse 4, um den psychisch kranken und anderen Opfern der NS-„Euthanasie“ zu gedenken.

An diesem Ort, auf der Rückseite der jetzigen Berliner Philharmonie befand sich die damalige zur Reichskanzlei gehörende Dienststelle, die von 1939 bis 1941 die planmäßige Tötung unter anderem von psychisch Kranken und Behinderten organisierte. Vorausgegangen war das 1933 verabschiedete „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das 1934 in Kraft trat. Auf der Grundlage dieses Gesetzes wurden bis Kriegsende ca. 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Die „Aufartung“ des NS-Staates fand ihren traurigen Höhepunkt in dem sogenannten „Euthanasieerlass“, der nach aktuellem Forschungsstand mindestens 200.000 Menschen das Leben kostete.
Heute erinnert eine unauffällige Gedenkplatte im Boden an die Opfer des „Euthanasie“-Erlasses, den Adolf Hitler auf den 1. September 1939 zurückdatierte. Im Zuge der anschließenden „wilden Euthanasie“ kamen nochmals mindestens 30.000 Menschen ums Leben.
Sowohl die Opfer der Erbgesundheitsgesetze als auch die Opfer des „Euthanasieerlasses“ sind bis heute nicht als Verfolgte des Naziregimes anerkannt.

Über die Opfergruppe der NS “Euthanasie“ ist bislang wenig bekannt. In der öffentlichen Wahrnehmung spielt sie kaum eine Rolle, obwohl die Lebensgeschichten dieser Menschen auch heute noch in der zweiten und dritten Generation weiter leben. Es gibt kein bundesweites Dokumentationszentrum, in denen die Krankenakten gesammelt und erforscht werden. In einigen Kliniken gibt es gut aufbereitete Dokumentationen und ein unterstützendes Vorgehen bei Anfragen von Angehörigen – bei anderen Kliniken wurden die Akten der Patienten an die Hauptstaatsarchive weitergeleitet und werden Anfragen Angehöriger abgewehrt. Knapp die Hälfte der lange verschollen geglaubten Krankenakten der „Euthanasie“-Toten wurden im Zuge der Öffnung der Stasi-Archive Anfang der 90er Jahre aufgefunden und im Rahmen eines Projektes zu Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“ erforscht und veröffentlicht.
Bislang existieren keine vollständigen Namenslisten der Opfer. Es gibt bis heute kein bundesdeutsches zentrales Mahnmal, jedoch einzelne Mahnmale und Gedenkstätten an den Standorten früherer Tötungsanstalten und Kliniken. Daneben konnten in der Vergangenheit in einigen Städten, wie auch in Berlin Reinickendorf in Kooperation mit Bürgern, gemeindepsychiatrischen Trägern und Politikern „Stolpersteine“ für ermordete psychisch kranke Menschen gesetzt werden und ihr Schicksal damit vor dem Vergessen bewahrt werden.

Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. als Initiator dieser Veranstaltung hatte ein breites Bündnis an Verbänden zu einer Kooperation bei der Durchführung dieser ersten bundesweiten Veranstaltung gewinnen können. Zu den diesjährigen Kooperationspartnern der Mahn- und Gedenkveranstaltung, der Aktion Psychisch Kranke, dem Aktionsbündnis für seelische Gesundheit, dem Arbeitskreis der Chefärztinnen und Chefärzte von Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie an Allgemeinkrankenhäusern in Deutschland, der Bundesdirektorenkonferenz, dem Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker, dem Dachverband Gemeindepsychiatrie, der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, sowie dem Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung Berlin werden im nächsten Jahr weitere hinzukommen.
Ein Ergebnis dieser Veranstaltung ist die Verabredung der Veranstalter, in jedem Jahr am ersten Septemberwochenende eine gemeinsame Gedenkveranstaltung für die Opfer an dieser Stelle durchzuführen.

Das Referat von Dr. Michael von Cranach schilderte sehr eindrücklich die Organisation der menschenverachtenden Tötungsmaschinerie T4. Einige der von ihm vorgestellten Einzelschicksale zeigten die schuldhafte Verstrickung der Psychiatrie der „NS-Zeit“. Er plädierte ausdrücklich dafür, die Opfer bei ihrem Namen zu nennen und ihre Lebensgeschichten öffentlich zu machen, um die Opfer nicht nur als Zahl sondern als einzelne Menschen zu erkennen. Auch die Angehörigen der Opfer sollen ermutigt und unterstützt werden nach ihren Verwandten zu recherchieren, um den Verstorbenen einen besonderen Platz in der Familiengeschichte zu geben.

Klaus -Dieter Kottnik, Präsident des Diakonischen Werkes, forderte in seinem Grusswort, dass auch im neu geplanten Gebäude der „Topographie des Terrors“ in Berlin der didaktischen Aufarbeitung und Vermittlung des Geschehenen ausreichend Raum gegeben wird. An die „Bleibende Schmach, dass deutsche Ärzte aktiv an der Umsetzung des nationalsozialistischen Erbgesundheitsgesetzes, später an der Vorbereitung und Durchführung der Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen und am Missbrauch medizinischer Forschung beteiligt waren“ erinnerte Dr. Iris Hauth, Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz und betonte die Verantwortung der psychiatrisch Tätigen kompromisslos der Entwertung und Stigmatisierung psychisch Kranker entgegen zu wirken und dafür Sorge zu tragen, dass die individuelle Würde eines jeden Menschen unter allen Umständen gewahrt wird.

Die anwesenden Veranstalter und Unterstützer werden im nächsten Jahr am ersten Septemberwochenende an dieser Stelle eine weitere Mahn- und Gedenkveranstaltung organisieren. Über die Frage, ob es eine gemeinsame Forderung sein könnte, ein Mahnmal für die Opfer der „NS-Euthanasie“ am Ort der Planung der „T4-Aktion“ zu realisieren, wird noch in den Verbänden kontrovers diskutiert. Einig sind sich jedoch alle Veranstalter, dass es einen zentralen Gedenkort, ein Dokumentationszentrum braucht, um eine Erinnerungskultur zu fördern.

 

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