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 Rundbrief - Online-Sonderausgabe
1.9. - Gedenktag für die Opfer der Euthanasiegesetze

Gedenkwort zur Mahn- und Gedenkveranstaltung
für die Opfer des Nationalsozialismus
an der Gedenkplatte,
Tiergartenstr. 4, Berlin, am 1. September 2007

Von Margret Hamm (Geschäftsführerin), Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten e.V.

Wie im Flyer zu dieser Veranstaltung zu lesen ist (und wie wir schon hörten), hat der 1. September symbolische Bedeutung.
Viele Gruppen, d. h. Nicht-Regierungs-Organisationen begehen diesen Tag als Anti-Kriegstag und wir gedenken der Mordmaßnahmen des faschistischen NS-Staates gegen die eigene Bevölkerung. Aber bedenken Sie, die Verfolgung aus rassischen Gründen, mit dem Ziel der „Ausmerze“, begann schon 1933 bzw. 1934 mit der Umsetzung des GzVeN, dem zwar als erstes Kranke und Behinderte zum Opfer fielen, aber schon sehr bald alle Menschen, die auffällig wurden und nicht in die Norm des NS-Staates passten. Schon sehr früh war die Tötung lebensunwerten Lebens ein Thema der NS-Gesellschaft. Denken Sie z. B. an die Propagandafilme jener Zeit, oder an die Ausbildung der Ärzte, die ab 1936 während ihrer Ausbildung im Fach Rassenhygiene unterrichtet wurden, und das ab 1939 als Prüfungsfach galt. Die Legimitation zum Morden durch diesen Erlass, auch wenn es 1941 einen „Euthanasie“-Stopp gab, bewirkte einen Dammbruch, wie wir heute sagen würden, denn das Morden ging, wie wir heute wissen, 1941 weiter. Die Opferzahlen der Menschen, die durch diese verbrecherische Politik verstümmelt wurden, ermordet wurden, manchmal beides, und ihre traumatisierten Kinder, die in NS-konforme Kinderheime und Waisenhäuser kamen, liegt insgesamt bei ca. 1 Million Menschen (400.000 Zwangssterilisierte, 300.000 „Euthanasie“-Opfer, geschätzte 300.000 Kinder der Ermordeten). Lassen Sie sich diese ungeheure Zahl „auf der Zunge zergehen“ und halten sich vor Augen, wie die demokratische Bundesrepublik Deutschland und auch die damalige DDR, mit den Opfern und ihrem Leid umgegangen sind. Als Vertreterin der NS-Opferorganisation der Zwangssterilisierten und „Euthanasie“-Geschädigten (Kinder der Ermordeten) kann ich Ihnen aus der Erfahrung sagen: entwürdigend und ausgrenzend und menschenverachtend. Weder die Bundesrepublik noch die damalige DDR hat die Opfer und ihr Leid als Folge dieser verbrecherischen Politik anerkannt. Das, was in der jüngeren Vergangenheit für diese Opfergruppe getan worden ist, geschah, wenn überhaupt, auf Druck von Außen, aber nur halbherzig, sprich: es verbesserte sich die Lage für die Opfer immer nur um soviel, dass keiner sagen konnte, die Regierung habe nichts getan. Jetzt erst im Mai 2007 haben wir erreicht, dass die Menschen, die selbst oder ihre Angehörigen, die der rassistischen Ausmerzpolitik zum Opfer fielen, endlich 62 Jahre nach Ende des faschistischen NS-Staates rehabilitiert wurden.

Am 24. Mai 2007 haben wir dies erreichen können, d. h. die Opfer von dem Stigma zu befreien, in der NS-Zeit als „lebensunwert“ gegolten zu haben und durch das rassistische Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses verfolgt worden zu sein. Die Erklärung, über die im Bundestag in unserem Sinne abgestimmt wurde, hat die Bezeichnung Bundesdrucksache 16/3811. Wichtig ist, dass das rassistische Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses das erste Mal in dieser Erklärung klar und deutlich von den Abgeordneten als solches ausgesprochen worden ist.

Diese Rehabilitation der Zwangssterilisierten und „Euthanasie“-Geschädigten ist, das muss man klar sagen, ein Kompromiss, der mit den Stimmen der CDU/CSU und SPD erreicht wurde.
Die jetzt gültige Rechtssituation geht davon aus, dass das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses nie in der Bundesrepublik Deutschland gegolten habe und dass es von Anfang an nicht mit dem Grundgesetz des Bundesrepublik Deutschland vereinbar gewesen sei. Man geht aus heutiger Sicht davon aus, dass diese Rechtssituation seit Beginn der Bundesrepublik Deutschland bestanden habe. Dies ist die juristische Sicht aus der Perspektive des Jahres 2007.
Dass die historische Entwicklung eine andere war, haben die Opfer durch die vielen vergeblich geführten Prozesse und die Einschätzung ihres Erlittenen in der Vergangenheit als „nicht-typisches NS-Unrecht“ erfahren. Wir als NS-Opferorganisation spürten und spüren dieses auch in unserem über 20jährigen Bemühen, Entschädigungen und Rehabilitation für diese Opfergruppe zu erreichen, und erfahren auf der politischen Ebene häufig Ausgrenzung und Ablehnung.

Die Interpretation dieser Bundesdrucksache (16/3811) ergibt, dass die Zwangssterilisierten und „Euthanasie“-Geschädigten jetzt als rassisch verfolgte Opfergruppe gelten müssen. Dies wird für die Bundesregierung und die Opfer Konsequenzen haben.

Lassen Sie mich zum Schluss auf den Ort zu sprechen kommen, wo wir hier stehen. Es ist der Ort der Täter. Die Täter haben hier entschieden, wer ermordet werden soll und wer nicht.

Wir wissen aber von den Opfern der Zwangssterilisationen und den Angehörigen der „Euthanasie“-Opfer , dass es für sie ganz entscheidend ist, an dem Ort ihrer Angehörigen zu gedenken, an dem sie gelitten haben. Den ehemaligen Gasmordanstalten, den ehemaligen Heil- und Pflegeanstalten, den Gefängnissen oder KZs.

Deshalb fordern wir von Regierung und Parlament, sich nicht der Verantwortung des Gedenkens zu entledigen, so z. B. durch die Errichtung verschiedenster Stiftungen auf verschiedenen Ebenen, wo die Verantwortung für die Opfer zu hinterfragender Weise weiterdelegiert wird. Ergebnis dieser neuen (alten) Gedenk- und Gedenkstättenpolitik ist, dass die Gedenkstätten und Institutionen, die sich mit der Geschichte der NS-Zeit beschäftigen und perspektivisch pädagogische Arbeit leisten, immer stärker unter finanziellen Druck geraten. Nicht zuletzt, weil der sog. „Mainstream“ dahin geht, die Opfer des faschistischen NS-Staates gleichzusetzen mit der damaligen Tätergesellschaft („Wir waren alle Opfer“) und gleichzusetzen mit dem Gesellschaftssystem der ehemaligen DDR. Dieses Denken ist Teil der sogenannten Schlussstrichdebatte. Und dort ist kein Platz mehr für die über Jahrzehnte ausgegrenzten Opfer von Zwangssterilisationen und die Opfer der „Euthanasie“ und ihrer Angehörigen. Wir wehren uns dagegen.

Erich Fried:

Vielleicht
Erinnern
das ist
vielleicht
die qualvollste Art
des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art
der Linderung
dieser Qual.

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