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 Rundbrief - Online-Sonderausgabe
1.9. - Gedenktag für die Opfer der Euthanasiegesetze

Mahn- und Gedenkveranstaltung
für die Opfer der Erbgesundheitsgesetze des Nationalsozialismus am 1. September 2007

Von Dr. Hauth Vorsitzende BDK

Das Gedenken an 400.000 Menschen, die infolge des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses ab 1934 zwangssterilisiert wurden und an über 300.000 Patientinnen und Patienten, die in unbeschreiblicher Unmenschlichkeit ermordet wurden, weil sie psychisch krank oder geistig behindert waren, kann nur von tiefer Betroffenheit, Trauer und Scham erfüllt sein.

Als Psychiaterin und Psychotherapeutin und Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz, des Verbandes der heutigen Fachkliniken und Zentren für Psychiatrie und Psychotherapie, muss ich den Blick auf die tiefe Verstrickung der Psychiatrie als Institution und Wissenschaft in die nationalsozialistischen Verbrechen an Psychiatriepatienten richten. Die heutigen Fachkliniken und Zentren für Psychiatrie und Psychotherapie haben sich aus den damaligen Anstalten entwickelt und befinden sich häufig noch in den gleichen Standorten. Die meisten von ihnen, wie z. B. die Bezirkskrankenhäuser in Bayern oder die Kliniken des Landschaftsverbandes in Nordrhein-Westfalen haben ihre Geschichte ausführlich aufgearbeitet, in Dokumentation dargestellt und führen regelmäßig Gedenk- und Mahnveranstaltungen für die Opfer des Nationalsozialismus durch.

Psychiater nahmen an der wissenschaftlich verbrämten Denunziation psychisch Kranker als "lebensunwerte Wesen" teil, beteiligten sich an der existenzgefährdenden Einschränkung der Lebensverhältnisse in den Anstalten, auch über die offizielle Einstellung der T 4-Aktion 1941 hinaus, teilweise sogar auch in den Monaten nach dem 2. Weltkrieg. Psychiater nutzten in euphorischer Weise die Möglichkeiten der Zwangssterilisation durch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und machten sich an der Ermordung mit schuldig.

Deutsche Psychiater, unter ihnen namhafte und einflussreiche Hochschullehrer und Forscher vertraten die pseudowissenschaftlich begründete Überzeugung von der Notwendigkeit zur zwangsweisen Unfruchtbarmachung von Menschen, die an einer Schizophrenie, Alkoholerkrankung, manisch-depressiven Erkrankungen, Anfallsleiden litten. Das Gesetz wäre nicht ohne jahrzehntelange Vorbereitung von Wissenschaft und Ärzten möglich gewesen. Die ranghöchsten biomedizinischen Forschungseinrichtungen hatten sich lange vor 1933 für die Ziele des von den Nationalsozialisten erlassenen Gesetzes eingesetzt und dass, obwohl die behaupteten, wissenschaftliche Erkenntnisse längst international widerlegt waren.

Die Entwicklung, die durch das Erbgesundheitsgesetz als Ausdruck der menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten eingeleitet wurde, mündete später in den Morden an psychisch kranken Menschen, an Behinderten, an sozial auffälligen Menschen, aber auch in die grausamen, medizinischen Menschenversuche. Eine Medizin, die keine Hilfe leistete, sondern zur Barbarei verkam. Die Entwicklung entsprang der Geringschätzung des Individuums einerseits, der Überschätzung und Überbewertung des überpersönlichen Ganzen, des "gesunden Volkskörpers" andererseits und eine Überschätzung der eigenen Macht und Möglichkeiten.

Es ist eine bleibende Schmach, dass deutsche Ärzte aktiv an der Umsetzung des nationalsozialistischen Erbgesundheitsgesetzes, später an der Vorbereitung und Durchführung der Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen und am Missbrauch medizinischer Forschung beteiligt waren.

Einige von ihnen nahmen nach dem Zusammenbruch des deutschen Reiches weiterhin einflussreiche Stellungen im nachkriegsdeutschen Gesundheitswesen, an Hochschulen, Universitäten und in Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie ein.

Für Ärzte und Psychotherapeuten bedeutet die Verstrickung deutscher Ärzte und Wissenschaftler in die Umsetzung des nationalsozialistischen Erbgesundheitsgesetzes der T4-Aktion und der Medizinverbrechen eine nachhaltige Warnung vor dem Missbrauch der Wissenschaft.

Auch unsere heutigen demokratischen Gesellschaften sind nicht gegen die Verbreitung wissenschaftlicher Irrtümer, dem Missbrauch von wissenschaftlichen Einsichten und gegen sich selbst überschätzende Forscher gefeit. Für uns heute in der psychiatrischen/psychotherapeutischen Versorgung heißt dass, sorgfältig auf die gesellschaftspolitischen und sozialen Wirkungen unseres beruflichen Handelns sowie auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu achten.

Mahnend ist auf die aktuelle Rationalisierung von Gesundheits- und Sozialleistungen in unserer Gesellschaft hinzuweisen. Das Gesundheitswesen, gerade auch das psychiatrische System, wird immer schlechter mit personellen Ressourcen ausgestattet. Dies betrifft gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen, die in unserer Gesellschaft noch immer keine Lobby haben.

Positionen, nach denen die Rationierung sozialer und gesundheitlicher Leistungen nach Nützlichkeitserwägungen und die Vergabe der Gelder in der Forschung auf biologische Grundlagenforschung konzentriert wird, auch verbunden mit den Hoffnungen auf Machbarkeit und ökonomischen Nutzen behaupten sich immer mehr.

Unterstützt von Medien hat sich die Öffentlichkeit schon fast daran gewöhnt. Unsere Gesellschaft steht angesichts der sich wandelnden wirtschaftlichen und soziokulturellen Bedingungen, vor Herausforderungen, die denen 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in mancher Hinsicht vergleichbar sind.

Die mahnende Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus muss unabdingbar verbunden bleiben mit einer bleibenden Verantwortung und der Verpflichtung zur besonderen Wachsamkeit gegenüber der Missachtung der Menschenrechte unserer Patienten und gegenüber einer selbstüberheblichen Wissenschaft.

Psychiater und Psychotherapeuten tragen die Verantwortung gegen Entwertung und Stigmatisierung psychisch Kranker kompromisslos entgegenzutreten und dafür Sorge zu tragen, dass die individuelle Würde eines jeden Menschen unter allen Umständen gewahrt wird.

Psychiater und Psychotherapeuten tragen die Verpflichtung, unheilvolle Entwicklungen zu erkennen, ihren Anfängen zu wehren und aus der eigenen Geschichte für die Gegenwart und Zukunft zu lernen.

Dr. Hauth Vorsitzende BDK

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