Grußwort
anlässlich der Gedenkfeier
am Denkmal für die Opfer der Euthanasie
am 1. September 2007 in Berlin
Von
Pfarrer Klaus-Dieter K. Kottnik Präsident des Diakonischen Werkes
der EKD e. V.
Die
erste Erwähnung eines Menschen mit Behinderungen in der Bibel
finden wir in der Lebensgeschichte des Königs David im 2. Buch
Samuel (2. Samuel 4). Es handelt sich um Mefi-Boschet, einen schwer
körperlich behinderten Mann, der ein Sohn des Freundes von David,
Jonathan gewesen ist. Nach dessen Tod, - so wird wie selbstverständlich
erzählt - nimmt David Boschet in sein Haus auf und gibt ihm einen
Platz am Familientisch. David holt den behinderten Mann in seine
Familie hinein, er gibt ihm damit einen Platz im Zentrum auch
der Gesellschaft.
Dies ist das erste Beispiel von Inklusion in der
Geschichte der jüdisch-christlichen Religion aus dem Jahre 997
vor Christus - eigentlich hätte dem 3000 Jahre Inklusionsgeschichte
folgen müssen. Wir wissen aber, dass es dem gegenüber eine Geschichte
der Aussonderung der Menschen gab und gibt, die anders sind: Im
19. und 20. Jahrhundert kamen körperbehinderte Menschen in sogenannte
Krüppelanstalten, Menschen mit geistiger Behinderung in Idiotenanstalten,
Menschen mit psychischer Erkrankung in Irrenanstalten. Ein Besuch
im Krankenzimmer von Vincent van Gogh in Saint-Rémy in Südfrankreich
zeigt die ganze Hilflosigkeit im Umgang mit Menschen, die anders
sind.
In dieser Gedenkplatte in der Tiergartenstraße 4
hier in Berlin kann uns das ganze Ausmaß des Bösen deutlich werden,
das von der Hilflosigkeit zur Ablehnung, von der Ablehnung zur
Bestreitung des Lebensrechtes und schließlich zur Ermordung von
Menschen führt, wenn sich eine Gesellschaft dem Weg der Inklusion
verweigert. Tiergartenstraße 4 ist ein Symbol für den Exzess der
Gewalt, der aus Hilflosigkeit entsteht. Hilflosigkeit kommt aus
Unverständnis, Unverständnis kommt aus Nicht-Verstehen, und Nicht-Verstehen
entsteht aus mangelnder Begegnung und Kommunikation. Kommunikation
bedeutet, dass man sich zunächst einmal akzeptierend und herrschaftsfrei
auf den anderen einlässt. In den Einrichtungen der Diakonie und
in vielen anderen Einrichtungen der Wohlfahrt in unserem Lande
hat man sich in diese herrschaftsfreie Kommunikation und Begegnung
eingeübt - nicht immer ohne Mühen und häufig erst nach den Exzessen
des Dritten Reiches. Schockiert über das, was auch menschenmöglich
ist. Die Einrichtungen der Diakonie, der Caritas und vieler anderer
haben deshalb heute nichts mehr gemein mit den Anstalten der Vergangenheit.
Dennoch bedeutet für mich das Gedenken an so einem
Ort wie diesem, an dem das ganze Ausmaß menschlicher Scheußlichkeit
mit der Ermordung von über 100.000 psychisch Kranken, geistig
Behinderten und körperbehinderten Menschen geplant und dann auch
realisiert wurde, die stete Aufforderung, den Weg der Inklusion,
des gleichberechtigten und gewaltfreien Miteinanders unterschiedlicher
Menschen in einer Gesellschaft zu begehen.
Trotz der vielen Erfolge auf gesellschaftlichem
und politischem Gebiet leben wir nicht in einer Gesellschaft,
in der Inklusion zur Normalität gehört. Deshalb ist auch das Gedenken
- und ich will sagen, das deutliche Gedenken - stets und andauernd
dringend erforderlich. Ich fordere daher schon seit längerem,
dass dieser Ort des Gedenkens in der Tiergartenstraße zu einem
deutlich erkennbaren Ort ausgebaut wird, der für jeden und jede
sichtbar wird und eine Kommunikationskraft entwickelt, die der
des Holocaust-Denkmals vergleichbar ist. Darüber hinaus ist es
erforderlich, dass auch im neu geplanten Gebäude der "Topographie
des Terrors" der didaktischen Aufarbeitung und Vermittlung des
Geschehenen in seinem gesamten Kontext entsprechender Raum gegeben
wird. Ohne Kenntnis kein Verändern, ohne Erinnerung keine Entwicklung!
Unser Ziel muss eine inklusive Gesellschaft sein. Je mehr wir
dem Erinnern Raum geben und das Erinnern deutlich machen, desto
mehr werden wir uns auch in diese Richtung weiterbewegen, um an
das anzuknüpfen, was human schon am Hof des Königs Davids vor
3000 Jahren galt.
Im Namen der Evangelischen Kirche in Deutschland
und im Namen des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in
Deutschland verneige ich mich vor den Opfern des Verbrechens,
derer an diesem Ort gedacht wird, vor deren Angehörigen, Freunden,
Betreuerinnen und Betreuern, die unsägliches Leid durchgemacht
haben. Ich erkenne in ihrem Leiden die Aufforderung, alles zu
tun, damit ein Zusammenleben verschiedener Menschen unserer Gesellschaft
gewaltfrei und sich gegenseitig respektierend, einander unterstützend
und füreinander eintretend immer mehr möglich wird. So entsprechen
wir dem, was Gott mit dieser Welt will.
Ich danke Ihnen.
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