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 Rundbrief - Online-Sonderausgabe
1.9. - Gedenktag für die Opfer der Euthanasiegesetze

VORTRAG 1. Sept. 2007
Von Dr. med. Ingrid Munk, Vorstand der ACKPA

Meine Damen und Herren ,

ich spreche für den bundesweiten Arbeitskreis psychiatrischer Chefärzte an Allgemeinkrankenhäusern. Psychiatrische Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern sind Ergebnisse der Psychiatriereform und, mit wenigen Ausnahmen, erst seit Anfang der 80er Jahre entstanden. Wir halten es für eine Notwendigkeit, dass wir als Psychiater und Leiter von Kliniken uns verantwortlich fühlen, die Erinnerung an die Ermordung und Zwangssterilisation von psychisch Kranken während des Nationalsozialismus wach zu halten.

Wir stehen hier in der Tiergartenstr. 4, dem historischen Ort, an dem die Massenvernichtung geplant und die Umsetzung in die Wege geleitet wurde. Es ist gut, dass dieser Ort kenntlich gemacht wurde. Die Kultur der Gedenksteine wird aktuell auch mit den sogen. Stolpersteinen fortgesetzt, mit denen gekennzeichnet wird, wo Menschen gewohnt haben, die im Nationalsozialismus verfolgt und umgebracht wurden. Wir sind hier, um die Erinnerung an die Ermordung psychisch Kranker wach zu halten.

Für viele allerdings ist das Thema nicht vergessen, sondern auf brutale Weise präsent: Ich spreche von denen, die zwangssterilisiert wurden und von den Angehörigen der Ermordeten. Sie wollen es manchmal vergessen, aber es gelingt nicht. Manchmal erzählen sie uns davon, und manchmal können sie nicht erzählen, weil sie sich schämen. So erinnere ich mich an eine ältere Patientin, die erst nach behutsamem Nachfragen unter großer Scham erzählen konnte, wie sehr sie unter ihrer Sterilisation gelitten und wie sie sich immer deswegen minderwertig gefühlt habe. Dorothea Buck hat dieses Thema, ihre eigene Person betreffend, öffentlich gemacht, wofür ihr hier an dieser Stelle gedankt sei.

Lassen Sie mich noch kurz erzählen: Bevor ich die Leitung der Klinik in Neukölln übernahm, war ich 5 ½ Jahre als Chefärztin der Psychiatrischen Klinik im Parkkrankenhaus Leipzig Südost tätig. Die Klinik war vormals die Städtische Anstalt Leipzig-Dösen gewesen, aus der ca. 800 Patienten nach Pirna Sonnenstein verlegt und dort mit Gas umgebracht wurden.

Im Jahr 2002 zog die komplette Klinik mit Somatik und Psychiatrie in einen 2 km entfernten Neubau um. Die Patienten wurden in städtischen Bussen vom alten Gebäude abgeholt und in Begleitung von Ärzten und Pflegern ins neue Krankenhausgebäude gebracht. Der Umzug verlief im großen und ganzen problemlos; allerdings hatten ein paar Patienten Angst, in den Bus einzusteigen. Sie konnten oder wollten nicht sagen, was ihnen Angst machte. Ein unangenehmes Gefühl machte sich breit, das von Beklommenheit bis zu einem Grauen reichte. Da war sie, die gemeinsame Erinnerung, wenn auch nicht allen gleich bewusst: Ärzte und Pfleger bringen Patienten mit Bussen weg, so war es 60 Jahre zuvor auch schon einmal gewesen.
Ich habe mich seitdem oft gefragt, wie präsent das Thema in den 50er, 60er und 70er Jahren in der psychiatrischen Behandlung gewesen sein muss, und wie präsent es vielleicht heute noch ist.

Denn: Es waren ja nicht ‚die Nationalsozialisten’, die die Taten verübten, sondern teilweise Ärzte und Pfleger, denen die Patienten anvertraut waren. Wir sind gefühlsmäßig hin- und hergerissen: Einerseits wollen wir mit diesen Ärzten und diesen Pflegern nichts zu tun haben; andererseits wissen wir, dass wir es uns so einfach nicht machen können, und schämen uns, für all das, was durch Psychiater und Pflegekräfte getan worden ist. Und fragen uns, was wir selbst getan hätten. Es wurden zwar einzelne Patienten gerettet, aber mit wenigen Ausnahmen gab es keinen fassbaren Widerstand von Seiten der Psychiatrieprofessionellen. Deswegen ist es mir eine große Ehre, hier sprechen zu dürfen. Dies beinhaltet für unsere Profession die Verpflichtung, mit Wissen um die Vergangenheit Ähnliches in Zukunft zu verhindern.

Was lernen wir aus den Ereignissen?
Die Würde des Menschen gehört ins Zentrum unserer Überlegungen.
Achtsamkeit ist nötig, wenn Schwache, jene, die nicht der Norm entsprechen und nicht die Normen erfüllen, als Last und Belastung gesehen werden. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, der Faszination des Starken entgegenzuwirken. Das Starke braucht immer Schwaches, das es besiegen und verachten kann. Der 1. September war der Beginn des Krieges nach außen, aber auch der Beginn des Krieges gegen das Schwache im Inneren.

Wir müssen aufmerksam sein, wenn über das Leben anderer gesagt wird, es sei nicht lebenswert oder lebensunwert.

Wir müssen dagegen halten, wenn sozialdarwinistisches Gedankengut sich breit macht oder Euthanasie als „Tötung auf Verlangen“ oder „Tötung aus Mitleid“ hoffähig wird.

Wir müssen skeptisch sein gegenüber Heilsversprechen in der Medizin, die suggerieren, man könne Krankheit, Leiden und Behinderung eliminieren.
Wir müssen alles tun, um der Exklusion, dem Ausschluss psychisch Kranker entgegenzuwirken. Je größer die Kluft zwischen Gesunden und Kranken ist, um so mehr werden psychisch Kranke stigmatisiert.

Wir unterstützen die Initiative, dass Menschen, die zwangssterilisiert wurden, endlich als Opfer anerkannt werden.

Wir müssen Patienten mehr zuhören, mehr ihre Ideen und eigenen Entwürfe akzeptieren und nicht denken, wir wüssten es schon besser. Den Patienten als Individuum zu sehen mit seiner eigenen Geschichte, seinen Gefühlen und Fähigkeiten, mit seiner besonderen Art und Weise in der Bewältigung von Krisen, verhindert, ihn als Objekt zu sehen.

Wir sollten den Angehörigen mehr Gehör schenken. Historiker gehen heute davon aus, dass es die Angehörigen und mit Ihnen die Öffentlichkeit waren, die neben Kritik aus der Kirche dazu beitrugen, dass der offizielle Teil der T4-Aktion am 24. August 1941 auf Befehl von Hitler eingestellt wurde. Ich muss hinzufügen: Wir wissen allerdings, dass das Töten als sogen. „wilde Euthanasie“ weiterging. Und das beschämt uns.

Die Psychiatrie braucht Transparenz nach außen und innen und eine Bereitschaft, sich als Teil der Zivilgesellschaft zu begreifen. Dazu gehört, Öffentlichkeit zuzulassen und herzustellen, sich mit der Öffentlichkeit auszutauschen sowie die aktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Deswegen sind wir hier.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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