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 Rundbrief - Online-Sonderausgabe
1.9. - Gedenktag für die Opfer der Euthanasiegesetze

Grußwort der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

Von Prof. Dr. med. Michael Seidel, v. Bodelschwinghsche Anstalten Bethel, Bielefeld

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir haben uns heute am früheren Standort der Zentrale der so genannten T4-Aktion versammelt, um an diesem Ort der Opfer der nationalsozialistischen Erbgesundheitsgesetze und der Opfer nationalsozialistischen Tötungsverbrechen an psychisch kranken und behinderten Menschen zu gedenken.

Freilich, Zwangssterilisierungen auf der Grundlage der menschenverachtenden, verbrecherischen Erbgesundheitsgesetze und die mit dem Begriff der Euthanasie euphemistisch verbrämten Ermordung von behinderten und psychisch kranken Menschen auf der Grundlage des Hitlerschen Befehls sind zwei verschiedene Phänomene. Dennoch sind sie verbunden durch viele Klammern, darunter eine rassistische Ideologie, eine abgrundtiefe Menschenverachtung, die Bestimmung des Wertes des Menschen nach Gesichtspunkten wirtschaftlicher Nützlichkeit und den Zielen expansiver Bevölkerungspolitik sowie einer an diesen Orientierungspunkten ausgerichtete Zuordnung wirtschaftlicher und anderer Ressourcen.

Ich stehe hier für die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde Unsere Fachgesellschaft hat die Initiative begrüßt, dass der Deutsche Bundestag die nationalsozialistische Erbgesundheitsgesetzgebung ausdrücklich ächtet. Erlauben Sie mir bitte, auszugsweise einige Abschnitte aus dem Brief unseres Vorstandes vom 9. März diesen Jahres, unterschrieben vom Präsidenten Prof. Dr. Wolfgang Gaebel, an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages vorzutragen.

„Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
Sie befassen sich im Deutschen Bundestag mit der Ächtung des nationalsozialistischen Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) begrüßt und unterstützt mit Nachdruck die Absicht, dieses Gesetz zu ächten. Dadurch setzt der Deutsche Bundestag ein notwendiges Zeichen gegenüber denjenigen Menschen, die durch dieses verbrecherische Gesetz schwerstes Unrecht und unermessliches Leid erfahren haben.

Immer noch begegnen uns in unserer psychiatrischen und psychotherapeutischen Arbeit Menschen, die zwangssterilisiert worden sind und die bis heute unter den Folgen der Zwangssterilisierung, der Schmach körperlicher Verstümmelung und erzwungener Kinderlosigkeit leiden.

Das nationalsozialistische Gesetz zur zwangsweisen Sterilisierung und seine landesweite Umsetzung war Ausdruck der menschenverachtenden Weltanschauung der Nationalsozialisten…
Das Gesetz wäre nicht ohne die jahrzehntelange Vorbereitung von Wissenschaftlern, Ärzten und Publizisten möglich gewesen. Die ranghöchsten biomedizinischen Forschungseinrichtungen hatten sich lange vor 1933 für Ziele des von den Nationalsozialisten erlassenen Gesetzes eingesetzt, und das obwohl die behaupteten „wissenschaftlichen Erkenntnisse“ längst widerlegt waren. Es ist eine bleibende Schmach, dass deutsche Ärzte, viele namhafte und einflussreiche Hochschullehrer, das nationalsozialistischen Erbgesundheitsgesetz begeistert unterstützten. So muss die Ächtung auch einer unmenschlichen, moralisch verrohten und selbstüberheblichen Wissenschaft gelten.

Auch demokratische Gesellschaften sind nicht gegen die Verbreitung wissenschaftlicher Irrtümer, den Missbrauch von wissenschaftlichen Einsichten und gegen unmoralische Wissenschaftler gefeit. So wurden am 13. April 1961 im Bundestagsausschuss für Wiedergutmachung zur Bewertung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ medizinische Sachverständige gehört, die das Ziel des Gesetzes und die Methoden der Durchführung verteidigten und sich vehement gegen die Entschädigung der Opfer aussprachen. Mehrheitlich stimmten die Abgeordneten damals in diesem Sinne und versagten den Betroffenen eine Entschädigung. Die Gutachter besetzten im Nachkriegsdeutschland teilweise führende Positionen, auch in unserer Fachgesellschaft. Für uns ergibt sich aus dieser Vergangenheit die Verpflichtung zur besonderen Wachsamkeit gegenüber der Missachtung der Menschenrechte unserer Patienten und gegenüber einer selbstüberheblichen Wissenschaft.
Im Deutschland jener Zeit war eine Zustimmung breiter Bevölkerungskreise zur Sterilisierung vorhanden. Diese Zustimmung war entstanden, weil die nationalsozialistische Eugenik sich mit geschickten propagandistischen Kampagnen verbündete, die eine angebliche Ressourcenverschwendung für die Versorgung psychisch kranker und behinderter Menschen anprangerten. Auch in unserem Land sympathisieren noch immer oder auch schon wieder Menschen mit solchen Argu¬mentationen und Schlussfolgerungen. Deshalb besitzt die Debatte des Bundestages über die Ächtung des nationalsozialistischen Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juni 1933 eine große gesellschaftspolitische Aktualität.

Für die DGPPN bedeutet die bittere Tatsache, dass die Zwangssterilisierungen und der noch weitergehende Missbrauch der Medizin wesentlich durch zahlreiche deutsche Ärzte und namentlich durch Psychiater und Nervenärzte begründet, organisiert und durchgeführt wurden, mahnende Erinnerung und bleibende Verantwortung. Die DGPPN wird Entwertungen und Stigmatisierungen von psychisch kranken Menschen kompromisslos entgegentreten und dafür Sorge tragen, dass die Würde, die Menschen- und Bürgerrechte eines jeden Menschen unter allen Umständen gewahrt werden.
Die DGPPN bekennt sich zu ihrer besonderen Verantwortung, weil sie als wissenschaftliche Fachgesellschaft der deutschen Psychiatrie und Psychotherapie auf Dauer die Verpflichtung hat, unheilvolle Entwicklungen zu erkennen, ihren Anfängen zu wehren und aus der eigenen Geschichte für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen.“

So weit der Brief der DGPPN. Ich schließe mit dem Hinweis darauf, dass der diesjährige Kongress der DGPPN im November in Berlin ein Hauptsymposium „Ethische Herausforderungen der Gegenwart vor dem historischen Hintergrund des nationalsozialistischen Erbgesundheitsgesetzes“ auf dem Programm haben wird.

Meine Damen und Herren, immer wenn ich an der hiesigen Gedenkplatte, eingelassen in den Fußweg vor der Philharmonie vorbeigehe, fällt mir auf, wie wenige Menschen diese Platte beachten. Sobald man aber an der Gedenkplatte stehen bleibt, bleiben auch einige andere Passanten stehen, um den Text zu lesen. Aufmerksam zu machen ist also gefordert.

Die heutige Veranstaltung ist eine Möglichkeit, viele andere Menschen auf die Verbrechen der Nationalsozialisten an behinderten und psychisch kranken Menschen aufmerksam zu machen. Deshalb ist die Absicht der Veranstalter zu begrüßen, eine solche Veranstaltung in Zukunft regelmäßig am ersten Septembersamstag eines jeden Jahres durchzuführen. Es kommt darauf an, diese Ereignisse einer breiten Öffentlichkeit in Erinnerung zu bringen und damit beizutragen, damit sich Ähnliches nie wiederholt.
Es ist dringend notwendig, auch die psychisch kranken und behinderten Menschen als Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen in die selbstverständliche Erinnerungskultur unserer Gesellschaft aufzunehmen. Diese Opfer dürfen nicht vergessen werden, ihre Marginalisierung muss überwunden werden, denn – um mit den Worten des Sozialpsychologen Harald Welzer zu sprechen – „Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst.“

In diesem Sinne habe ich im Auftrage der DGPPN einen Kranz mit Grußworten des ehrenden Gedenkens an der Gedenkplatte niedergelegt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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