Gedenkworte
zur Mahnveranstaltung der Opfer der Erbgesundheitsgesetze
Von Eva Straub, Vorsitzende des BApK
Auch
der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. gedenkt
heute, und nicht nur heute, der psychisch kranken Menschen, die
unter der Naziherrschaft aus der sogenannten Volksgemeinschaft
ausgestoßen, die ermordet wurden, die zu schmerzhaften, folgenschweren
Versuchen missbraucht oder zwangssterilisiert wurden. Sie hatten
kein anderes Vergehen auf sich begangen als krank und hilfebedürftig
zu sein.
Die Erbgesundheitsgesetze lieferten die Legitimation für die „Reinigung
des Volkskörpers“, für Zwangssterilisierungen, Zwangsabtreibungen
und Kinder-Euthanasie. Es war die Rede von der „großen Erbkraft
der Schizophrenie“. Für die Betroffenen bedeutete die Sterilisierung
eine unvorstellbare Kränkung, die auch nach Ende der Nazizeit
nicht verging.
Von offizieller Seite hören zu müssen, dass das geliebte Familienmitglied
„lebensunwertes Leben“ ist und das nicht nur von den Nazischergen,
nein, nicht selten auch von Nachbarn und Verwandten, verursachte
bei den Angehörigen Schmerz und Empörung. Die große Propagandamaschine
der Nazis machte der Bevölkerung weis, dass es gelte psychisch
kranke Menschen daran zu hindern, sich fortzupflanzen, und dass
es geradezu menschenfreundlich sei, diese Menschen von ihrem Leiden
zu erlösen. Ein solches Verbrechen darf sich nie wiederholen!
fortzupflanzen, und dass es geradezu menschenfreundlich sei, diese
Menschen von ihrem Leiden zu erlösen.
Ein solches Verbrechen darf sich nie wiederholen!
Der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker
e.V. gedenkt auch mit großer Anteilnahme der Familien, die dem
diktatorischen Unrechtsregime schutzlos ausgeliefert waren. Ihr
Leid ist mit nichts vergleichbar, was heutige Angehörige je erlebt
haben und hoffentlich nie erleben werden.
Wir Angehörigen sind jeden Tag dankbar, dass wir heute in einer
humanen Gesellschaft, in einer Demokratie leben dürfen, die Kranke
und Behinderte schützt, und nicht in einer so menschenverachtenden
Gesellschaft leben müssen, wie es die des Nationalsozialismus
war, der Millionen von Menschen seines eigenen Volkes hingemordet
hat aus pseudowissenschaftlicher Verblendung und aus niedrigen,
materiellen Beweggründen.
Darunter waren 200 000 psychisch kranke Menschen, die den Hungertod
sterben mussten oder auf unterschiedlich grauenvolle Weise ermordet
wurden, um Riesensummen für den verbrecherischen Großkrieg freizumachen.
Alle diese Menschen hatten Familien, die um sie bangten und in
ständiger Angst vor der Internierung ihrer Kranken in psychiatrischen
Anstalten zitterten.
In Anstalten verschwunden, waren sie für ihre Familien nicht mehr
erreichbar, nicht mehr auffindbar, bis eines Tages die Nachricht
vom plötzlichen Versterben des geliebten Menschen kam. Angehörige
von Getöteten verständigten sich untereinander von Tötungsaktionen.
Anfragen bei den Vernichtungszentralen nach dem Schicksal ihrer
Kinder, Partner, Mütter oder Väter waren ergebnislos geblieben.
Jede Familie mit psychisch kranken Angehörigen
musste damit rechnen, von Nachbarn, vom Hausarzt oder vom Gasmann,
ja sogar von Freunden und Verwandten, angezeigt zu werden. Sie
lebten in ständiger Angst. Sie versteckten die kranken Familienmitglieder,
behaupteten, sie lebten längst nicht mehr zu Hause, oder seien
bereits gestorben.
Wer weiß, wie schwierig es ist, psychisch kranke Menschen von
der Realität, d. h. von der Notwendigkeit zu überzeugen, sich
still und unauffällig zu verhalten, kann ermessen, in was für
einer Dauerpanik diese Familien gelebt haben müssen. Wurden die
Kranken dann abholt, peinigten sie Schuldgefühle und Selbstvorwürfe,
die Katastrophe nicht verhindert zu haben.
Eine solche Tragödie darf sich nie wiederholen!
Heute Angehöriger eines psychisch kranken Menschen
zu sein, ist weiß Gott nicht einfach, aber was ist das alles verglichen
mit dem unvorstellbaren Leid der in ständiger Angst lebenden
Angehörigen in der Nazizeit? Was hätten die Familie der damaligen
Zeit darum gegeben, wenigstens in Ruhe gelassen zu werden. Wir
reden heute von Teilhabe behinderter Menschen an der Gesellschaft,
haben ein Gleichstellungsgesetz und Tausende von Menschen schließen
sich zusammen, um gegen Stigmatisierung psychisch kranker Menschen
zu kämpfen. Gott sei Dank!
Der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker
steht heute hier für alle betroffenen Familien, um unserer Trauer
Ausdruck zu geben
Ich möchte wiederum für alle Familien sprechen, in denen jemand
psychisch krank ist und Gott und dem Schicksal danken, dass wir
in einer Gesellschaft leben dürfen, in der die Begriffe Solidarität,
Selbstbestimmung und Menschenwürde festverankert sind und mit
Leben erfüllt werden.
Wir verneigen uns vor allen, die damals Qualen
erdulden, Verstümmelungen über sich ergehen lassen und den gewaltsamen
Tod erleiden mussten.
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