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 Rundbrief - Online-Sonderausgabe
1.9. - Gedenktag für die Opfer der Euthanasiegesetze

Gedenkworte zur Mahnveranstaltung der Opfer der Erbgesundheitsgesetze
Von Eva Straub, Vorsitzende des BApK

Auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. gedenkt heute, und nicht nur heute, der psychisch kranken Menschen, die unter der Naziherrschaft aus der sogenannten Volksgemeinschaft ausgestoßen, die ermordet wurden, die zu schmerzhaften, folgenschweren Versuchen missbraucht oder zwangssterilisiert wurden. Sie hatten kein anderes Vergehen auf sich begangen als krank und hilfebedürftig zu sein.
Die Erbgesundheitsgesetze lieferten die Legitimation für die „Reinigung des Volkskörpers“, für Zwangssterilisierungen, Zwangsabtreibungen und Kinder-Euthanasie. Es war die Rede von der „großen Erbkraft der Schizophrenie“. Für die Betroffenen bedeutete die Sterilisierung eine unvorstellbare Kränkung, die auch nach Ende der Nazizeit nicht verging.
Von offizieller Seite hören zu müssen, dass das geliebte Familienmitglied „lebensunwertes Leben“ ist und das nicht nur von den Nazischergen, nein, nicht selten auch von Nachbarn und Verwandten, verursachte bei den Angehörigen Schmerz und Empörung. Die große Propagandamaschine der Nazis machte der Bevölkerung weis, dass es gelte psychisch kranke Menschen daran zu hindern, sich fortzupflanzen, und dass es geradezu menschenfreundlich sei, diese Menschen von ihrem Leiden zu erlösen. Ein solches Verbrechen darf sich nie wiederholen! fortzupflanzen, und dass es geradezu menschenfreundlich sei, diese Menschen von ihrem Leiden zu erlösen.
Ein solches Verbrechen darf sich nie wiederholen!

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. gedenkt auch mit großer Anteilnahme der Familien, die dem diktatorischen Unrechtsregime schutzlos ausgeliefert waren. Ihr Leid ist mit nichts vergleichbar, was heutige Angehörige je erlebt haben und hoffentlich nie erleben werden.
Wir Angehörigen sind jeden Tag dankbar, dass wir heute in einer humanen Gesellschaft, in einer Demokratie leben dürfen, die Kranke und Behinderte schützt, und nicht in einer so menschenverachtenden Gesellschaft leben müssen, wie es die des Nationalsozialismus war, der Millionen von Menschen seines eigenen Volkes hingemordet hat aus pseudowissenschaftlicher Verblendung und aus niedrigen, materiellen Beweggründen.
Darunter waren 200 000 psychisch kranke Menschen, die den Hungertod sterben mussten oder auf unterschiedlich grauenvolle Weise ermordet wurden, um Riesensummen für den verbrecherischen Großkrieg freizumachen.
Alle diese Menschen hatten Familien, die um sie bangten und in ständiger Angst vor der Internierung ihrer Kranken in psychiatrischen Anstalten zitterten.
In Anstalten verschwunden, waren sie für ihre Familien nicht mehr erreichbar, nicht mehr auffindbar, bis eines Tages die Nachricht vom plötzlichen Versterben des geliebten Menschen kam. Angehörige von Getöteten verständigten sich untereinander von Tötungsaktionen. Anfragen bei den Vernichtungszentralen nach dem Schicksal ihrer Kinder, Partner, Mütter oder Väter waren ergebnislos geblieben.

Jede Familie mit psychisch kranken Angehörigen musste damit rechnen, von Nachbarn, vom Hausarzt oder vom Gasmann, ja sogar von Freunden und Verwandten, angezeigt zu werden. Sie lebten in ständiger Angst. Sie versteckten die kranken Familienmitglieder, behaupteten, sie lebten längst nicht mehr zu Hause, oder seien bereits gestorben.
Wer weiß, wie schwierig es ist, psychisch kranke Menschen von der Realität, d. h. von der Notwendigkeit zu überzeugen, sich still und unauffällig zu verhalten, kann ermessen, in was für einer Dauerpanik diese Familien gelebt haben müssen. Wurden die Kranken dann abholt, peinigten sie Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, die Katastrophe nicht verhindert zu haben.
Eine solche Tragödie darf sich nie wiederholen!

Heute Angehöriger eines psychisch kranken Menschen zu sein, ist weiß Gott nicht einfach, aber was ist das alles verglichen mit dem unvorstellbaren Leid der in ständiger Angst lebenden Angehörigen in der Nazizeit? Was hätten die Familie der damaligen Zeit darum gegeben, wenigstens in Ruhe gelassen zu werden. Wir reden heute von Teilhabe behinderter Menschen an der Gesellschaft, haben ein Gleichstellungsgesetz und Tausende von Menschen schließen sich zusammen, um gegen Stigmatisierung psychisch kranker Menschen zu kämpfen. Gott sei Dank!

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker steht heute hier für alle betroffenen Familien, um unserer Trauer Ausdruck zu geben
Ich möchte wiederum für alle Familien sprechen, in denen jemand psychisch krank ist und Gott und dem Schicksal danken, dass wir in einer Gesellschaft leben dürfen, in der die Begriffe Solidarität, Selbstbestimmung und Menschenwürde festverankert sind und mit Leben erfüllt werden.

Wir verneigen uns vor allen, die damals Qualen erdulden, Verstümmelungen über sich ergehen lassen und den gewaltsamen Tod erleiden mussten.

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