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1.
September 2007
Von Gunter Storck,
Vorstand der DGSP
1979 formulierte in einer Denkschrift zum 40.
Jahrestag des Kriegsbeginns die Deutsche Gesellschaft für soziale
Psychiatrie den Satz:
„Am 1. September 1939 begann nicht nur der Vernichtungskrieg
nach außen, sondern auch nach innen.! "
In dieser Denkschrift wurde zum erstenmal die Frage gestellt:
„Wie hätte ich gehandelt, wenn ich in der Zeit des Nationalsozialismus
gelebt und gearbeitet hätte?“
Wenn wir von 1939 historisch etwas zurückblicken,
dann werden wir bei folgenden Geschichtszahlen die Anfänge eines
mörderischen Gedankentums entdecken:
1920 unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs
propagieren der Jurist Bindig und der Psychiater Hoche die >Lebensverkürzung<
schwer Verwundeter oder Kranker sowie die Tötung von >Ballastexistenzen<
und < geistig Toten< um Kosten zu sparen.
1929 Hitler fordert, 700.000 bis 800.000
der Schwächsten zu beseitgen
1933 In der Psychiatrie sollten durch
kontinuierliche Senkung der Pflegesätze ab 1933 die Ausgaben drastisch
verringert werden,
14. Juli 1933 wird mit Wirkung zum Januar
1934 das Sterilisationgesetz beschlossen
Ab 1934 massenhafte Sterilisierungen.
Verfolgung der >Asozialen<
Im Rahmen der Vorbereitung der Umsetzung der
Euthansiemaßnahmen wurden ab
21. Sept. 1939 die damaligen Heil- und Pflegeanstalten
erfasst
April 1940 Umzug der Euthanasie -Verwaltung
in die Tiergartenstraße 4, von nun an T4 genannt.
25. Oktober 1941 >Gaskammer-Brief< : T
4 stellt Vergasungs-Technologie in den Dienst der >Judenvernichtung<
(Aktion Reinhard)
Ende Nov. 1941 Treffen der Ärzte und Vertreter
des technischen Personals aller Tötungsanstalten in Pirna. Sie
werden darüber unterrichtet dass mit dem Stopp die Euthanasie
nicht beendet ist.
Die Beteiligung von Krankenschwestern und Krankenpflegern
an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde einzigartig von
der Krankeschwester Hilde Steppe in Ihrem Werk: >Krankenpflege
im Nationalsozialismus< historisch erfasst:
Stellvertretend für die vielen Beispiele nenne
ich hier folgendes:
„Bei der Begutachtung und Aussonderung von
Sinti und Roma-Kindern hat die Krankenschwester Eva Justin eine
herausgehobene Rolle gespielt, die 1943 bei den Anthropologen
in Berlin die Doktorwürde verliehen bekam. Nach dem Krieg 1948
wurde sie in Frankfurt als „Kriminalpsychologie“ eingestellt und
war bis 1960 in Amt und Würden."
An dieser Stelle ist schon wichtig daran zu erinnern,
mit wieviel Arroganz gegenüber den Opfern, die Politik damals
und zum Teil bis heute Tätern, Mitläufern den Weg in das Nachkriegsdeutschland
ebneten, ja sogar wieder Verantwortung gegenüber diejenigen wieder
gab, die sie in der Zeit des Naziregiem verfolgt bzw. umgebracht
haben.
Eine andere Berufskollegin lässt Hilfe Steppe
in Ihrem Buch berichten:
„Mit Tränen in den Augen haben wir dann diese Spritze aufgezogen“
„Einerseits sah ich die Tötungen von Menschen,
auch wenn es sich um unheilbare Geisteskranke handelte, (...)
als ein großes Unrecht an und habe oft mir gegenüber die Frage
gestellt, weshalb es gemacht wird. Andererseits war ich Beamtin,
war zu meinem mir aufgetragenen Dienst verpflichtet und sah keinen
Ausweg, die mir aufgetragenen Tätigkeiten zu umgehen! "
Ich denke, diese Aussagen sprechen für sich!
Um mit Alexander Mitscherlich zu sagen:
„Bewältigung der Schuld kann nichts anderes heißen, als der
Wahrheit ins Auge zu sehen; Anerkennung dessen, was war, ohne
Feilschen; Einsicht in die Anteilnahme, und sei sie nur das >>harmloseste<<
Mitlaufen, Mitdenken der Parolen, Mithoffen auf das Verheißen
gewesen“
Sehr verehrte Anwesenden:
Wir können uns von unserer historischen Schuld nicht freisprechen,
wir haben die Pflicht zu erinnern, damit wir sensible bleiben
bzw. werden für die ethisch-moralischen Fragen die sich heute
im Umgang mit dem Andersein, mit dem Fremden von Mitmenschen uns
jeden Tag stellen.
Wenn wir hier in der Bundesrepublik und in Europa
geglaubt haben, dass in unserer Gesellschaft, Fremdenfeindlichkeit,
subtiler bis offener Antisemitismus, eine Intoleranz gegenüber
behinderter Menschen überwunden wurde, so lehren uns die Nachrichten,
Zeitungsberichte oder sogar Selbserfahrungen eines Besseren. Wir
müssen wachsam und wieder politischer werden, damit diese Veranstaltungen
an das Erinnern großer Verbrechen nicht nur Sonntagsreden sind.
Wir sind schon wieder auf dem Weg, wo Daseinsfürsorge, soziale
Verantwortung für den Schwachen ökonomisiert werden. So werden
Kosten der Daseinsfürsoge in den Medien nur als Steigerungen im
Sinne von ausufernde Belastungen dargestellt. Damit wird eine
subtile bis feindliche Stimmung gegenüber Menschen, die Hilfe
und Unterstützung brauchen geschürt. Die Gesundheits- und Sozialausgaben
der öffentlichen Hand werden zunehmend nicht volkswirtschaftlich
sondern betriebswirtschaftlich gerechnet. In dieser Denkart steckt
drin, nur was wir uns betriebswirtschaftlich leisten können, nur
Nutzbringendes und Kosteneinsparendes hat ein Recht auf Investition.
Es ist schon belastend, dass Betroffene noch
heute für eine Entschädigung ihres Leidens kämpfen müssen, eine
Entschädigung ist und bleibt eine poltisch – ethisch und moralische
Verpflichtung der Regierungsverantworlichen in unserem Lande,
das fordern wir und dafür stehen wir, die Deutsche Gesellschaft
für soziale Psychiatrie.
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