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Dorothea-Sophie Buck-Zerchin
Rede bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer der "Euthanasie"
und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus
6. September 2008 Tiergartenstraße 4 Berlin
Liebe Freundinnen und liebe Freunde!
Ich verwende diese sehr persönliche Anrede, weil diese öffentliche
Gedenkstunde ein so erfreulicher Anlass der Zuversicht und der
Hoffnung ist. Ich bin Dorothea Buck und 91 Jahre alt, das, was
man eine Zeitzeugin nennt. Erreicht hat dieses öffentliche Gedenken
schon im letzten Jahr nach dreijährigen Verhandlungen unser engagiertestes
Vorstandsmitglied Ruth Fricke unseres vor 16 Jahren gegründeten
"Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e. V.".
Danke, liebe Ruth!
Das Besondere des diesjährigen Treffens ist das hinzugekommene
Engagement offizieller Stellen, der Mitglieder des im Januar 2007
gegründeten "Runden Tisches". Sie ließen am 18. Januar
dieses Jahres den Grauen Bus und am 10. Juni die T4-Informationstele
aufstellen. Das lässt auf einen Wandel in unserer Bundesregierung
hoffen, dass es ihr mit ihrer Versicherung ernst ist, dass es
keine NS-Opfer erster und zweiter Klasse geben solle. Oft sind
es Einzelne, die durch ihre persönliche Betroffenheit andere überzeugen
und mitreißen, wie Sigrid Falkenstein als Nichte ihrer in Grafeneck
vergasten Tante Anna.
Danke, liebe Sigrid!
Dass aber 63 Jahre seit dem Ende des NS-Regimes 1945 vergehen
mussten, um an die offiziell verschwiegenen und ausgegrenzten
Opfer der Ausrottungsmaßnahmen erinnern zu können, liegt an der
großen Täter- und Mittäterschaft der Psychiater, Theologen, aller
höchsten Juristen, der Gesundheitsbehörden und Ministerien. Über
diese bisher verdrängte Seite der Zwangssterilisationen und der
Patientenmorde möchte ich heute sprechen. Denn alles nicht Erinnerte
kann jederzeit wieder geschehen, wenn zum Beispiel immer weniger
Arbeitende für immer mehr alte und behinderte Menschen sorgen
müssen.
Der Mord an den Juden und an den Roma und Sinti entstand in den
Köpfen Hitlers und seiner Gefolgsleute. Der Mord an den Psychiatrie-Patienten
entstand in den Köpfen von Psychiatern, zum Beispiel des zu seiner
Zeit hoch angesehenen Freiburger Psychiatrie-Professors Alfred
Hoche und des Juristen Karl Binding in ihrer 1920 erschienenen
Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens".
Der bis heute in der deutschen Psychiatrie hoch geschätzte Psychiatrie-Professor
Emil Kraepelin, der von 1856 bis 1926 lebte, forderte bereits:
"Ein rücksichtsloses Eingreifen gegen die erbliche Minderwertigkeit,
das Unschädlichmachen der psychopathisch Entarteten mit Einschluss
der Sterilisierung."
1918 äußerte Kraepelin in seinem meistzitierten Werk "100
Jahre Psychiatrie" die Überzeugung:
"Ein unumschränkter Herrscher, der geleitet von
unserem heutigen Wissen, rücksichtslos in die Lebensgewohnheiten
der Menschen einzugreifen vermöchte, würde im Laufe weniger Jahrzehnte
bestimmt eine entsprechende Abnahme des Irreseins erreichen können."
Kraepelins "Wissen" und der von ihm geprägte Begriff
des "Irreseins" in seinen patientenfeindlichen Zitaten
war nicht das Wissen echter Seelenärzte, die - wie seine Zeitgenossen
Sigmund Freud und C. G. Jung - die Psychosen, die man damals "Geisteskrankheit"
nannte, als Aufbruch des normalerweise Unbewussten ins Bewusstsein
nach vorausgegangenen Lebenskrisen erkannten, weil sie mit ihren
Patienten sprachen. Kraepelin wollte ebenso wie unsere heutigen
Psychiater Mediziner sein und wissen, was im Gehirn geschieht.
Dazu genügte ihm die Beobachtung von Symptomen ohne Gespräche
mit den Patienten. Während meiner fünf Psychosen von 1936 bis
1959 erlebte ich unter meinen 23 Anstalts-Psychiatern und Psychiatrie-Professoren
nur Mediziner, die die Sinnzusammenhänge meiner Psychose-Inhalte
mit meinen vorausgegangenen Lebenskrisen gar nicht wissen wollten.
Für sie war - ebenso wie für Kraepelin - alles nur sinnloser Unsinn.
Und das berichten die über 1000 Mitglieder unseres Bundesverbandes
BPE auch von den meisten ihrer heutigen Psychiater.
Wer würde aber auf den Gedanken kommen, dass der bis heute hochverehrte
Pastor Fritz von Bodelschwingh schon zwei Jahre vor dem NS-Regime
die Sterilisierung forderte und dass das Sterilisations-Gesetz
in den ev.-kirchlichen Anstalten "mit besonderer Härte durchgesetzt"
wurde, wie es in der von der Bremer Gesundheitsbehörde 1984 herausgegebenen
Dokumentation "Zwangssterilisiert - Verleugnet - Vergessen"
heißt. Was kirchliche Dokumentationen verschweigen, publizierte
Ernst Klee im Fischer-Taschenbuch über "Die Kirche im Banne
Hitlers" im Kapitel "Die Kirchen im Kampf gegen die
›Minderwertigen‹" (1989). Ernst Klee zitiert hier aus dem
Protokoll der "Ev. Fachkonferenz für Eugenik" in Treysa
vom 18. bis 20. Mai 1931. Dort heißt es über die Diskussion zur
Sterilisierung:
"Der von 1930 bis 1933 leitende Betheler Chefarzt,
Dr. Carl Schneider, lehnt die Sterilisierung ab. Er hält es für
einen Irrtum zu glauben, das biologisch Wertvolle sei auch das
geistig Wertvolle. ... So werde bei Manisch-Depressiven ›ein so
hohes Maß sozialer Tüchtigkeit vererbt‹, dass es unmöglich sei,
›aus rein medizinischen Gesichtspunkten zu sterilisieren‹. Schneiders
Urteil: ›Wir wissen darüber nichts, folgern nur aus Versuchen
mit Tieren und Pflanzen‹."
Obgleich Schneider in der folgenden Diskussion nochmals warnend
eingreift und (vom Vererbungswissenschaftler) von Verschuer unterstützt
wird ... sind vor allem die Pastoren (die theologischen Leiter
ev.-kirchlicher Anstalten) für das Sterilisieren. So meint zum
Beispiel Bodelschwingh (zitiert wird buchstabengetreu aus dem
Protokoll):
"Im Dienst des Königreichs Gottes haben wir unseren
Leib bekommen ... ›Das Auge, das mich zum Bösen führt usw.‹ (Aus
der Bergpredigt) zeigt, dass die von Gott gegebenen Funktionen
des Leibes in absolutem Gehorsam zu stehen haben; wenn sie zum
Bösen führen und zur Zerstörung des Königreiches Gottes in diesem
oder jenem Glied, dass dann die Möglichkeit oder Pflicht besteht,
dass eine Eliminierung stattfindet. Deshalb würde es mich ängstlich
stimmen, wenn die Sterilisierung nur aus einer Notlage heraus
anerkannt würde. Ich möchte es als Pflicht und mit dem Willen
Jesu konform ansehen. Ich würde den Mut haben, vorausgesetzt,
dass alle Bedingungen gegeben und Schranken gezogen sind, hier
im Gehorsam gegen Gott die Eliminierung an anderen Leibern zu
vollziehen, wenn ich für diesen Leib verantwortlich bin."
So weit aus Ernst Klees Dokumentation.
Dass Bodelschwingh die Sterilisierung nicht gegen Erbkrankheiten,
sondern aus moralischem Grund: "Das Auge, das mich zum Bösen
führt", forderte und sich dabei auf seinen "Gehorsam
gegen Gott" und "mit dem Willen Jesu konform" berief,
kann ich nicht unwidersprochen lassen. Denn gerade Jesus forderte
in seinem verheißenen "Weltgericht" die Solidarität
mit den "Geringsten": "Was ihr getan habt einem
unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan",
ist für Jesus der einzige Maßstab für die Annahme und Zukunft
des Menschen. Bodelschwingh erkannte nicht, dass Gott kein Moralist,
sondern als Schöpfer der Welt vor allem ein fantasie- und liebevoller
Gott und Vater seiner Kinder ist. Und dass er Fantasie und Solidarität
auch von seinen Kindern erwartet. - "Alles nun, was ihr wollt,
dass euch die Leute tun sollen. Das tut ihr ihnen auch. Das ist
das Gesetz und die Propheten", mahnte Jesus und "Richtet
nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet". Bodelschwingh
und die anderen theologischen Anstaltsleiter beschlossen in Treysa
aber das genaue Gegenteil dieser zentralen Forderungen der christlichen
Lehre.
Zwei Jahre vor dem NS-Regime forderten sie:
"Träger erblicher Anlagen, die Ursache sozialer
(!) Minderwertigkeit und Fürsorgebedürftigkeit sind, sollten tunlichst
von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden."
Mit dem "Königreich Gottes" wird Bodelschwingh seine
Anstalt Bethel gemeint haben. Darum tragen alle Betheler Häuser
biblische Namen. Auch die Wände der Krankensäle trugen Bibelsprüche.
Als ich 1936 mit gerade 19 Jahren in Bethel eingewiesen wurde,
stand auf der hellgrünen Wand meinem Bett gegenüber in großer
Schrift das Jesuswort "Kommet her zu mir, Alle, die Ihr mühselig
und beladen seid. Ich will Euch erquicken". Aber was waren
das für "Erquickungen" mit Kaltwasserkopfgüssen, Dauerbädern
unter einer Segeltuchplane, in deren steifem Stehkragen mein Hals
23 Stunden - von einer Visite zur nächsten - eingeschlossen war.
Mit der Fesselung in nassen kalten Tüchern, die sich durch die
Körperwärme erhitzten. Diese quälenden "Beruhigungsmaßnahmen"
unter dem Jesuswort an der Wand gegen unsere nur natürliche Unruhe,
die wir viele Wochen lang untätig in den Betten liegen mussten,
obwohl wir körperlich gesund waren, konnten wir nur als sträfliches
Missverständnis der christlichen Lehre, als Zynismus oder sogar
als "Hölle unter Bibelworten" verstehen.
Das Schlimmste war, dass mit uns psychotischen Patientinnen überhaupt
nicht gesprochen wurde. Ich hatte die wichtigsten Erfahrungen
meines Lebens, religiöse Erfahrungen gemacht und hätte dringend
eine Hilfe zum Verständnis dafür gebraucht, dass solche Erfahrungen
nicht nur vor 2000 Jahren, sondern heute noch möglich sind. Aber
ich erlebte nicht einmal ein Aufnahmegespräch, überhaupt kein
Gespräch während meiner neun Monate dort. Auch die beiden Hauspfarrer
sprachen nicht mit uns, sondern zitierten nur Bibelverse an unseren
Betten, ohne ein persönliches Wort mit uns zu wechseln. Tiefer
kann ein Mensch nicht entwertet werden, als ihn keines Gesprächs
für wert oder fähig zu halten. Auch vor und nach meiner Zwangssterilisation
wurde nicht mit mir gesprochen, obwohl das Erbgesundheitsgesetz
die ärztliche Aufklärung der Sterilisanden vorschrieb. - "Für
einen notwendigen kleinen Eingriff", wurde meine Frage nach
dem Zweck der Operationsvorbereitung beschieden und meine Frage
nach den Narben aller meiner jungen Mitpatientinnen in der Mitte
der Scheide als "Blinddarmnarben" beantwortet. Hatte
man uns auch darin zu Hause belogen, dass der Blinddarm seitlich
säße?
Als ich von einer Mitpatientin erfuhr, dass die Operation eine
Sterilisation sei, war ich verzweifelt, denn Zwangssterilisierte
durften keine höheren und weiterbildenden Schulen besuchen und
nicht heiraten, weil nicht Sterilisierte keine Sterilisierten
heiraten durften und das auch nicht wollten. Meinen lang vorbereiteten
Wunschberuf der Kindergärtnerin musste ich aufgeben. Von der lebenslangen
Abstempelung als "minderwertig" ganz zu schweigen.
Im Deutschen Ärzteblatt vom Januar 2007 heißt es in einem Artikel
über unsere bis heute fehlende Rehabilitierung als "Minderwertige",
dass der Betheler Chefarzt ab 1934, Prof. Werner Villinger, am
13. April 1961 im Bundestagsausschuss für Wiedergutmachung:
"... sich zu der Behauptung verstieg, durch eine
Entschädigung den Zwangssterilisierten erst recht zu schaden:
›Es ist die Frage, ob dann nicht neurotische Beschwerden und Leiden
auftreten, die nicht nur das bisherige Wohlbefinden und die Glücksfähigkeit
dieser Menschen, sondern auch ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen‹."
Pastor Fritz von Bodelschwinghs Neffe und Nachfolger, Pastor
Friedrich von Bodelschwingh, argumentierte am 21. Januar 1965
als Experte vor dem Ausschuss für Wiedergutmachung in gleicher,
unsere Realität völlig verkennender Weise:
"Gäbe man den Sterilisierten selbst einen Entschädigungsanspruch,
so werde nur Unruhe und neues, schweres Leid über diese Menschen
gebracht ..."
Bethel sterilisierte noch lange nach 1945 weiter. Im vorletzten
Jahr rief mich jemand an, den Bethel noch in den Siebzigerjahren
unter Druck setzte, sich sterilisieren zu lassen. Würden Theologen
und Psychiater doch auch einmal ihren eigenen Wert für uns in
Zweifel ziehen!
Für viele, die keine Berufsschulen besuchen durften und deshalb
kein Handwerk lernen konnten, sondern in Armut und innerer Isolierung
als "Minderwertige" starben, kam auch Professor Klaus
Dörners Einsatz für uns zu spät. Er hatte nach dreijährigen Bemühungen
eine Anhörung für uns und für die "Euthanasie"-Überlebenden
und -Geschädigten am 24. Juni 1987 vor dem Innenausschuss des
Deutschen Bundestages erreicht.
Als im Juli 1939 zum ersten Mal eine Unterrichtung von etwa 60
Anstaltsleitern und Psychiatrie-Professoren in der Berliner Kanzlei
von Adolf Hitler stattfand, denen das "Euthanasie"-Programm
vom SS-Führer Viktor Brack vorgetragen wurde, erklärten alle ihre
Bereitschaft, an der Tötung der Anstaltspatientinnen und -patienten
mitzuarbeiten, mit Ausnahme des Göttinger Professors Gottfried
Ewald. Er begründete seine Ablehnung ausführlich. Ein einziger
seelisch und geistig intakter Mensch unter 60 Psychiatrie-Professoren
und -Anstaltsleitern! Wo blieb ihr Gewissen, ihre Courage, ihr
Mitgefühl? Werte, die den Menschen erst zum Mitmenschen machen.
Als Gutachter und Obergutachter fällten sie hier in der Berliner
Tiergartenstraße 4 die Todesurteile nur nach Fragebogen, die die
Anstalten ausgefüllt hatten. In sechs psychiatrischen Tötungsanstalten
wurden die zum Tode Verurteilten vergast. Als Hitler am 24. August
1941 nach der Protestpredigt des katholischen Bischofs Clemens
August von Galen in Münster am 3. August 1941 die Vergasungen
einstellen ließ, übernahmen die Anstalten selbst die Tötung durch
überdosierte Medikamente und Nahrungsentzug.
Die letzten Forschungsergebnisse gehen nach dem Historiker Prof.
Hans Walter Schmuhl von insgesamt fast 300.000 vergasten, vergifteten,
zu Tode gehungerten Anstaltspatientinnen und -patienten und Heimbewohnerinnen
und -bewohnern aus. Davon fast 80.000 Patienten aus polnischen,
französischen und sowjetischen Anstalten. Da unsere Politiker,
Psychiater und Theologen die Zwangssterilisationen an 350.000
bis 400.000 als "minderwertig" Beurteilten und die Tötung
sogenannter "lebensunwerter" Menschen seither so gut
wie ganz verdrängen, bleibt es uns Psychiatrie-Betroffenen bisher
allein überlassen, die in Psychiatrien Ermordeten im Gedächtnis
und im Herzen zu behalten. Darum ist ein Gedenken wie das heutige
eine große Hilfe und Entlastung für uns.
Auch die 100 Spitzenjuristen der Wannsee-Konferenz vom 23. und
24. April 1941, denen die Einzelheiten der T4-Aktion unterbreitet
wurden, die dann gemeinsam das "verfahrenstechnische"
Problem der Unterdrückung von Strafanzeigen berieten, hatten keine
Einwendungen zum "Euthanasie"-Programm zu machen. Alle
hatten auf den Reichsgerichtspräsidenten Dr. Erwin Bumke geschaut.
Da er schwieg, schwiegen sie auch.
In den 60er-Jahren wurden Ärzte, die die Vergasungen durchgeführt
hatten, "unter frenetischem Jubel" der Zuhörer freigesprochen,
weil ihnen "ein Unrechtsbewusstsein nicht einwandfrei nachzuweisen
sei". Der Vater eines behinderten Kindes schrieb resigniert
in einem Leserbrief: "Da kann man nur noch auswandern."
Täter und Mittäter haben unserem Volk die "Minderwertigkeit"
psychiatriebetroffener Menschen gründlich eingeimpft, auch den
Betroffenen selbst. Kaum eine andere Bevölkerungsgruppe ist in
Deutschland so rechtlos und verachtet wie psychiatrische Patienten,
zum Beispiel als "schizophren" Diagnostizierte. Erst
vor dem Europäischen Gerichtshof können durch Medikamente schwer
Geschädigte auf Entschädigung hoffen. Besonders bitter, wenn diese
irreversiblen Gesundheitsschäden durch Zwangsmedikationen entstanden.
Maßstab für Leben oder Tod der Patienten war ihre Arbeitsleistung.
Viele Anstalten hatten die Arbeitstherapie für ihre Patienten
aber noch gar nicht eingeführt, oder nur für die Gesunderen, obwohl
der Leiter der Gütersloher Landesklinik, Hermann Simon, schon
seit 1923 die Arbeitstherapie für alle Gütersloher Patienten mit
vollem Erfolg eingeführt hatte. 1946 war ich drei Monate lang
Patientin in Gütersloh und erlebte, wie viel leichter die Arbeit
der Gütersloher Schwestern im Vergleich zur Arbeit der Betheler
Schwestern war, die uns zur untätigen bloßen Verwahrung gezwungenen
und daher unruhigen Patientinnen mit den quälenden "Beruhigungsmaßnahmen"
mit ausschließlichem Strafcharakter in Schach hielten, und wie
viel normaler die Gütersloher Stationsatmosphäre war. Ohne Rücksicht
auf ihre Patienten und Pflegekräfte hatten die theologischen und
ärztlichen Leiter ev.-kirchlicher Anstalten bei ihrer "Fachkonferenz
für Eugenik" in Treysa 1931 die "Begrenzung wohlfahrtspflegerischer
Leistungen auf Versorgung und Bewahrung" für alle Patienten
beschlossen, die voraussichtlich ihre volle Leistungsfähigkeit
nicht wieder erlangen würden. Als 1939 die "Euthanasie"
einsetzte, waren alle untätig nur verwahrten Anstaltsinsassen
besonders gefährdet, weil sie ohne Arbeitsmöglichkeit auch keine
Arbeitsleistung erbringen konnten. Pastor Fritz von Bodelschwingh
hat erfolgreich für das Leben seiner untätig nur verwahrten Anstaltspatienten
gekämpft. Aber eine viel bessere Hilfe wäre für Patienten und
Pflegende seine Einführung der Arbeitstherapie für alle gewesen,
wie sie im nur 20 km entfernten Gütersloh 1939 schon seit 16 Jahren
beispielhaft vorgelebt wurde. Allerdings hat die Arbeitsleistung
der Gütersloher sie nicht vor dem Tode bewahren können, weil ein
Beamter der Hamburger Gesundheitsbehörde die Arbeitsleistung zur
Selbstversorgung einer Anstalt nicht mehr gelten ließ, sondern
die Patienten darüber hinaus "produktive Werte" schaffen
mussten. Nach 1945 hat er Karriere in Hamburg gemacht.
Auch die heutigen psychotischen Psychiatriepatienten dürfen nicht
über ihr sie tief beeindruckendes Erleben sprechen, ohne noch
mehr Psychopharmaka schlucken zu müssen. In kommunalen und kirchlichen
Psychiatrien wird es heute auch unter Zwang und Fesseln nur medikamentös
bekämpft. Ohne seine Psychose als Aufbruch des eigenen Unbewussten
auf der Traumebene verstehen zu können, kann man aber nicht gesund
werden, wie ich es seit 49 Jahren bin. Nachdem wir das psychiatrische
Dogma der erblich bedingten sinnlosen Hirnstoffwechselstörung
mit unseren Zwangssterilisationen und ihren Folgen, die "Euthanasie"-Opfer
mit ihrem Leben bezahlen mussten, brauchen wir nichts dringender,
als eine auf unseren Erfahrungen gründende empirische Psychiatrie,
weil man verstehen muss, was man erlebt.
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