Mahn- und Gedenkveranstaltung für die Opfer der
Erbgesundheitsgesetze des Nationalsozialismus
"Blick zurück nach vorn!"
Gleichstellung der NS-Opfer umsetzen!
Gleichstellung kranker und behinderter Menschen jetzt!
Kurzreferat von Helga Kühn-Mengel, Patientenbeauftragte
der Bundesregierung
ES GILT DAS GESPROCHENE WORT
Video ansehen
Meine
Damen und Herren,
meine Vorrednerinnen und Vorredner haben schon
vieles zum Thema gesagt. Ich möchte daher Folgendes kurz anmerken:
Zunächst ist daran zu erinnern, dass hier an
dieser Stelle, einer Dienststelle der damaligen "Reichskanzlei"
in Berlin, die planmäßige Tötung von kranken und behinderten Menschen
organisiert wurde.
Hier haben u.a. Ärzte darüber entschieden, was
als lebenswert und als lebensunwert galt.
Schließlich ist dieses Denkmal für eine ganz
spezifische Opfergruppe errichtet worden, nämlich für Menschen
mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen, die durch Nazis
zwangssterilisiert oder umgebracht wurden.
Schließlich ist dieses Denkmal für eine ganz
spezifische Opfergruppe errichtet worden, nämlich für Menschen
mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen, die durch Nazis
zwangssterilisiert oder umgebracht wurden.
Ich finde es wichtig, auch diesen Aspekt zu betonen,
da gerade kleinere Gruppen von Verfolgten durch das nationalsozialistische
Regime häufig in Vergessenheit geraten.
Mit dieser jährlich stattfindenden Veranstaltung
wollen Sie, die Organisationen des Aktionskreises, die Erinnerung
an die unsägliche Einteilung menschlichen Lebens in lebenswertes
und lebensunwertes Leben wach halten.
Er ist nach meiner Auffassung sehr wichtig, dass
immer wieder darauf aufmerksam gemacht wird, dass der Mensch von
Geburt an Würde besitzt, unabhängig von Leistung, Gesundheit oder
Behinderung.
In Ihrer Einladung weisen Sie darauf auch ausdrücklich
hin und ich möchte dies auch noch einmal betonen:
Immer wieder gilt es, auf moderne Formen von
Ausgrenzung und mit Sachzwängen legitimierte Unterscheidungen
von vermeintlich wertvolleren und weniger wertvollen Menschen
hinzuweisen.
Die meisten von uns wissen aus unserer täglichen
Arbeit, dass Ausgrenzung und Stigmatisierung von psychisch Kranken
und Menschen mit Behinderungen bei weitem nicht überwunden sind.
Daher ist immer ein scharfer Sachverstand und
Wachsamkeit erforderlich.
Ich finde es insofern sehr wichtig, dass es Gedenkveranstaltungen
wie diese gibt.
Wir dürfen es uns nicht gestatten, die Vergangenheit
zu vergessen und müssen uns und andere immer wieder neu sensibilisieren
für falsche Entwicklungen.
Auf der Grundlage der Gesetze der Nazis wurden
bis Kriegsende 400.000 Menschen zwangssterilisiert und etwa 300.000
Patientinnen und Patienten ermordet.
Es hat immerhin 62 Jahre gebraucht, bis die Mitglieder
des Deutschen Bundestages am 24. Mai 2007 beschlossen haben, dass
Gesetz zur Verhütung des erbkranken Nachwuchses zu ächten.
Aus meiner Arbeit weiß ich, dass viele der hier
Anwesenden lange dafür gekämpft haben. Sie haben sich dafür, eingesetzt,
dass Menschen, die der rassistischen Politik zum Opfer fielen,
rehabilitiert wurden und ihnen ihre Würde wiedergegeben wurde.
Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages haben
mit der Erklärung die NS-Unrechtsgesetze deutlich verurteilt.
Ihre Einladung steht ja unter dem Motto:
"Blick zurück nach vorn"! Gleichstellung der
NSOpfer umsetzen! Gleichstellung kranker und behinderter Menschen
jetzt!
Ich möchte an diese Stelle darauf hinweisen,
dass gerade in Bezug auf die Teilhabe kranker und behinderter
Menschen in den vergangenen Jahren ein Systemwechsel stattgefunden
hat.
So hat die Bundesregierung mit den Stimmen der
SPD und Bündnis 90/ Die Grünen umfangreiche Reformen in der Behindertenpolitik
eingeleitet.
Wenn wir betrachten, was bis heute erreicht wurde,
können wir ein Stück weit stolz sein.
Mit dem Sozialgesetzbuch IX ist 2001 ein wirklich
modernes und leistungsfähiges System der Teilhabe behinderter
Menschen eingeführt worden; 2002 trat das Behindertengleichstellungsgesetz
in Kraft und im Jahr 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.
Alle drei Gesetze sind ganz zentrale Schritte hin zu Chancengleichheit
und Teilhabe behinderter Menschen.
Diese richtungsweisende Gesetzgebung hat nicht
nur in Deutschland den Grundstein für eine Verbesserung der Situation
behinderter Menschen gelegt, sie ist in Teilen auch auf internationaler
Ebene beispielgebend.
An dieser Stelle lässt sich auch gleich der Bogen
nach Europa spannen. Die Europäische Kommission hat 2007 zum „Europäischen
Jahr der Chancengleichheit für alle“ erklärt.
Was in unserer modernen Gesellschaft eigentlich
eine Selbstverständlichkeit sein sollte - Toleranz, Akzeptanz
und Chancengleichheit für alle Menschen -, ist in vielen Bereichen
leider nach wie vor ein frommer Wunsch und muss konsequent und
immer wieder neu eingefordert werden.
Deswegen können wir uns nicht auf unseren Lorbeeren
ausruhen. Im Gegenteil. Ich weiß sehr wohl, dass gute gesetzliche
Vorgaben allein nicht ausreichen. Man muss sie mit Leben füllen,
indem man die Möglichkeiten und Spielräume nutzt. Dann – und nur
dann – tragen solche Gesetze zu einem Bewusstseinswandel bei.
In die Zukunft gesehen ist mir bewusst, dass
für die Opfer der Erbgesetze weitere Maßnahmen ergriffen werden
müssen.
Dies wird ja auch zum Teil von Ihnen und den
Verbänden, denen Sie angehören, gefordert.
Dies wird ja auch zum Teil von Ihnen und den
Verbänden, denen Sie angehören, gefordert.
• Anerkennung der Opfer als politisch, rassisch
und religiös Verfolgte.
• Mehr Verantwortung für das Gedenken, d.h. eine
Gedenk- und Gedenkstättenpolitik, die weitgehend frei ist von
finanziellen Zwängen.
Als Politikerin weiß ich, wie schwierig es ist,
diese Forderung umzusetzen. Aber von den Opfern der Zwangssterilsation
und den Angehörigen der Ermordeten wissen wir auch, dass sie an
dem Ort ihrer Angehörigen gedenken möchten, an dem diese ihr Leid
erfahren haben.
Insofern sind diese Einrichtungen, die auch wertvolle
pädagogische Arbeit leisten, zu fördern.
• Schließlich ist auch eine Verbesserung der
Gedenksituation an diesem Ort in Berlin anzusprechen.
Herr Prof. Nachama, Geschäftsführer der der Stiftung
Topografie der Terrors hat ja im letzen Jahr zu einem Runden Tisch
eingeladen, der sich damit beschäftigt, wie eine angemessenere
und würdigere Gestaltung dieses Gedenkortes hier umgesetzt werden
kann.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.
|